Kultur : Bach von Brahms aus gelesen

CHORMUSIK

Carsten Niemann

Ab August wird Daniel Reuss neuer Leiter des RIAS-Kammerchors sein. Man kann die Zukunft des Chors nicht aus dem Kaffeesatz eines einzelnen Konzerts lesen, doch als Noch-Gast Reuss im Kammermusiksaal der Philharmonie vor den kostbaren Klangkörper trat, wachten die Fans eifersüchtig über seinen Umgang mit dem geliebten Ensemble. Neben Brahms‘ Motette für Chor a capella musizierte man Bachs frühe Leipziger Kantaten BWV 23 und 95 sowie seine Missa Brevis G-Dur gemeinsam mit der Akademie für Alte Musik – einem bewährten Traumpartner des Kammerchors. Trauerarbeit galt es für diejenigen zu leisten, denen die Kombination „Akamus/Kammerchor unter Marcus Creed“ bisher Sternstunden einer bewährten Aufführungspraxis garantierten. Leichtigkeit, Feuer, Sinn für Tanz und Lust am rhetorisch-bildhaften Überzeugenwollen, der den Barock prägte: mit all dem mischte man eine Chorlandschaft auf, der ein morbider Hang zu feierlicher Erstarrung nicht unbekannt ist. Doch der erklärte Nicht-Spezialist Reuss ist kein Nachschöpfer; er musste und konnte experimentieren: klangverliebt, vokaler wie instrumentaler Linie mehr Saft gebend, Bach von Brahms aus lesend. Die Akademie folgte Reuss und Kammerchor in den Kantaten redlich mit ungewohnt pastosem Klang und verzichtete auf manchen swingenden Manierismus. Zu einem wirklichen Austausch, der die spezifischen Qualitäten der beteiligten Künstler betonte, kam es jedoch erst in der Messe: ein Experiment, das vom Nebeneinander gliedernder schwerer Grundschläge im Gloria über den stilisierten Menuettschritt des Gratias bis hin zur tönend bewegten Klangwolke des Schlusses die größte musikalische Spannung entwickelte.

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