Kultur : B–A–C–H

Präludium zum Musikfest mit dem Keller Quartett

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Der Himmel beschert dem Musikfest Berlin sein glücklichstes Omen: Ein Regenbogen steht über der Philharmonie, in deren Kammermusiksaal „Bach als Kraftmoment“ am Vorabend des Festivals triumphiert. Ist die „Kunst der Fuge“ ein „Schulwerk“, wie Hugo Riemann annimmt, oder Prototyp des Erhabenen, eine Musik, die mit dem Himmel zu tun hat? Das Keller Quartett aus Budapest spielt das Rätselwerk in einem Bogen, ohne „Schwelgen in Tönen“, das dem Zeitalter fremd ist, vielmehr als Summe kontrapunktischer Wissenschaft, zugleich lebendig, deutlich, analytisch: Fugen, einfache und komplizierteste, Kanons und die große unvollendete Quadrupelfuge. Es wird angenommen, dass in ihr das Grundthema des ganzen Werkes als viertes Thema noch einmal auftauchen sollte. Indes schließt die Aufführung mit den letzten Noten des Autografen, ohne sie, wie früher gängig, mit Andacht zu beweihräuchern. Aber leise werden sie schon, die Kellers, wenn die Viola das B-A-C-H-Thema intoniert.

„Über dieser Fuge, wo der Nahme B.A.C.H. ... angebracht worden, ist der Verfasser gestorben“, hat Sohn Philipp Emanuel der Nachwelt hinterlassen. Jede Vortragsbezeichnung fehlt (eine Ausnahme). Der Duktus der Einzelstimmen ist weitgehend neutral, die Reihenfolge der Stücke unklar, die Zahl der Instrumentierungsversuche Legion. Ein Streichquartett, dessen zweite Violine nicht nur anfangs führt, mit dem in sich geschlossenen d-Moll-Thema, ist unüblich. Ebenso die Notierung der Stimme im Altschlüssel. Daher gilt, dass die „Kunst der Fuge“ für Tasteninstrumente gedacht ist.

Aber es klingt dank der Interpretin wunderschön, wenn diese zweite Geige immer wieder hervortritt, etwa auch mit der Umkehrung des Themas. Überhaupt drückt das Keller Quartett der Musik seinen Stempel auf, selbst wo sie auf Rhythmus und notierte Dynamik verzichtet. Es geht hierbei um die dynamische Belebung der einzelnen Noten, deren jede „ihr Piano und Forte in sich haben“ (Quantz). Das heißt historische „KlangRede“ aufnehmen, damit sie wie damals „die Seele beweget“. Sybill Mahlke

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