Kultur : Bachmann-Preis: Auftakt in Klagenfurt - Wer hat Angst vorm Landeshauptmann?

Katrin Hillgruber

Drei Weise sollen nach dem Willen des Rats der Europäischen Union das Wohlverhalten der österreichischen Bundesregierung in den nächsten Monaten prüfen. Es geht um deren Wohlverhalten bei den heiklen Themen Minderheitenrechte, Flüchtlinge und Asylbewerber. Ein Land steht unter Aufsicht. Diesen Eindruck konnte man auch vor Beginn der "Tage der deutschsprachigen Literatur" in Klagenfurt gewinnen. Um den Ingeborg-Bachmann-Preis wird nach wie vor gelesen, nur entzogen die Bachmann-Erben dem Wettbewerb "vorläufig" den Namen ihrer Schwester.

Vorausgegangen war eine demagogische Attacke des damaligen Kärntner FPÖ-Landeshauptmanns Jörg Haider, der die Unterstützung des Bundeslandes für die seiner Meinung nach "sterile und totgelaufene Veranstaltung" verweigert hatte. Die Telekom Austria sprang als Sponsorin ein. Sie finanziert den in "Preis der Jury" umbenannten Preis des Landes Kärnten in Höhe von 120 000 Schilling, rund 17 000 Mark. Neu sind auch zwei Stipendien von je 50 000 Schilling, die zusätzlich von einer "unabhängigen Plattform Kärntner Bürger" gestiftet wurden. Somit warten auf die 16 Kandidatinnen und Kandidaten des Klagenfurter Wettlesens - zehn aus Deutschland, je drei Österreicher und Schweizer - nicht weniger als sechs Auszeichnungen.

Auch die Diskussion über "Literatur und Politik" im Klagenfurter Robert-Musil-Museum hatte etwas von einem Tribunal. Eigens hatte man Routiniers einer littérature engagée wie Eva Demski und Norbert Niemann (Bachmann-Preisträger 1997) eingeflogen, dazu kamen der erfrischende 70-jährige Hugo Loetscher und - als einziger Vertreter Österreichs - Milo Dor. Dank der abgehobenen Einführung des 3-Sat-Moderators Gert Scobel, der sich in die Höhen von genetischer Anthropotechnik und Immanuel Kant aufschwang, kam lange niemand zu Wort. Warum sind Autoren heutzutage nicht in der Lage (oder willens?) sich zu solidarisieren, schälte sich dann als Frage heraus. Erwartungsgemäß ging es wie so oft um Reminiszenzen an die Gruppe 47 - für einen solchen Zusammenschluss hätten ihre Kollegen einfach keine Zeit mehr, da sie mit der Distribution ihrer Arbeit beschäftigt seien, meinte Eva Demski. Sie sehnt sich keinesfalls nach den Zeiten der Überwölbung der Literatur durch politische Inhalte zurück. Um eine humane Auslegung des Begriffs Utopie bemühte sich vor allem Loetscher. Er wies den Kulturpessimismus der Jüngeren und das betagte Gespenst der Popkultur weit von sich: "Früher wurde in der Schweiz auch nicht in jedem Seitental Rilke gelesen." Milo Dor sieht den Autor nach wie vor als Anwalt des Einzelnen. Niemann hingegen vermisst für den Diskurs mit Gleichgesinnten den öffentlichen Raum. Die Dimension der Politik habe sich verlagert, hin zu einer Politik der Aufmerksamkeit, wie sie nicht zuletzt Jörg Haider praktiziere. Das war bislang schon alles zu Haider in Klagenfurt. Das Wort hat bis Sonntag wieder die Literatur.

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