Bachmann-Wettbewerb Klagenfurt : Leiche sucht Mitfahrgelegenheit

Mit einem morbiden Mundarttext gewinnt der Österreicher Ferdinand Schmalz den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2017

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Ferdinand Schmalz am Sonntag in Klagenfurt.
Ferdinand Schmalz am Sonntag in Klagenfurt.Foto: AFP/Gert Eggenberger

Es war am ersten Tag, der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb befand sich noch in einem sehr frühen Stadium, als sich die Jury die Frage stellte, eher unwillkürlich-zufällig als willentlich, was das hier eigentlich für eine Veranstaltung sei? Mit was für einem Format sie es während dieser sogenannten Tage der deutschsprachigen Literatur zu tun habe? Der amerikanische Schriftsteller John Wray hatte gelesen und war zunächst begeistert gefeiert worden, unter anderem von Klaus Kastberger als „Profi“, der Klagenfurt beehre. Auf einmal aber stand der Begriff „Klagenfurt- Format“ im Raum – von Meike Fessmann eigentlich nur für die Textlängen und Lesezeit verwandt –, um sich zu erstaunen darüber, wie Wray das Überbordende, das Epische seiner Geschichte darin untergebracht hatte.

Das Ganze entwickelte eine eigene Dynamik, und diskutiert wurde das Eindringen von typischer amerikanischer Erzählkunst in die typische Klagenfurt-Texterei, die oft mit der ganzen Kunst der Literaturkritik größer, bedeutsamer gemacht wird, als sie eigentlich ist. Oder die, von Jahr zu Jahr seltener der Fall, in Grund und Boden kritisiert wird. So gab Kastberger schließlich zu Bedenken, dass es nicht die Frage sei, ob John Wray und sein Text Klagenfurt brauchen. Sondern ob Klagenfurt einen Autor wie Wray braucht. Hm. Da klingt nach: In „unserer kleinen Welt“ (wieder Kastberger) ist man sich selbst gut und groß genug.

Bei Schmalz geht es um einen Tiefkühlkost-Ausfahrer

Genau so ist es, als am Sonntagvormittag die Preise verliehen werden: Nicht Wray bekommt den mit 25000 Euro dotierten Bachmann-Preis, sondern der 1985 in Graz geborene hauptamtliche Theaterautor Ferdinand Schmalz, für seinen morbid-komischen, eigenwillig dem österreichischen Alltagssprachduktus nachgebildeten und nur in Kleinschreibung gehaltenen Schauertext „mein lieblingstier heißt winter“. Der handelt von dem Tiefkühlkost-Ausfahrer Franz Schlicht, der sich über die eigenen Schlichtheiten und Schlechtigkeiten und seinen Job so seine Gedanken macht. Von einem Kunden namens Schauer, der bei ihm immer nur Rehragout kauft, bekommt er das Angebot, für „eine nicht kleine Summe“ seine Leiche aus dem Eisschrank zu holen und abzutransportieren, Schauer will sich umbringen.

Viel düsteres Ulrich-Seidl-und Hans- Lebert-Österreich, viel Tod und schwarze Komik, zwei überflüssig sprechende Namen – und trotz seiner Güte der kleinere, der typische Klagenfurt-Text im Vergleich zu Wrays Bruder-und-Schwester-Geschichte. Wray muss sich mit dem (mit 12 500 Euro dotierten) Deutschlandfunk-Preis begnügen.

Zweiter Sieger: John Wray
Zweiter Sieger: John WrayFoto: dpa/Gert Eggenberger

Die Fragen jedoch klingen nach. Letztendlich diesen Wettbewerb durchaus desavouierende Fragen. Sie lassen seine Seltsamkeiten und das breite Mittelmaß noch gezielter in den Fokus geraten: Bei aller Tradition und Beständigkeit, es war das 41. Wettlesen seit 1977, trotz aller Selbstfeiereien bei der Eröffnung. Die qualitative Spannbreite war gar nicht mal so groß, Wray und Schmalz auf der Skala nach oben hin, Maxi Obexer oder Verena Dürr auf der nach unten. Doch die Auswahl des Feldes ist weder repräsentativ für die deutschsprachige Literatur, noch hat man es mit einem Nachwuchswettbewerb zu tun.

Es sind stets ein paar junge Autoren vertreten, die am Anfang ihrer möglichen Karrieren stehen, ein paar erfahrene Autorinnen, die diverse Bücher veröffentlicht, aber sich nicht durchgesetzt haben, dazu mancher Sonderling, dieses Mal der aktuell aus dem schriftstellerischen Nirgendwo kommende Eckhart Nickel mit seiner Popautoren-Vergangenheit. Wo soll da Brillanz herkommen? Zumal aus den Reihen der Jurys seit vielen Jahren die Klage ertönt, sie würden kaum brauchbare Texte eingesandt bekommen, es sei verdammt schwer, Gutes, Diskutables zu finden.

In den Klagenfurter Elfenbeinturm dringt der Weltenlärm

So ist Mittelmaß das Maß der Klagenfurt-Literatur-Dinge, der Bachmann- Preis bedeutender als seine Gewinner und Gewinnerinnen. Ohne dass allerdings ein Sieg hier oder der Gewinn eines der anderen Preise auf dem Buchmarkt Auswirkungen haben würde. Was umgekehrt ein Trost für Jörg-Uwe Albig sein mag: die großenteils übermäßige, unverständliche Kritik an seiner Mann-liebt-Kirche-Geschichte wird den Verkauf seines darauf basierenden Romans „Eine Liebe in der Steppe“ kaum negativ beeinflussen.

Kleine Klagenfurter Literaturwelt: In die brachten zumindest einige Texte Nachrichten über die Zustände in der etwas weiteren Welt, über die Auswirkungen der Flüchtlingskrise beispielsweise. So jene von Maxi Obexer, von der 1988 geborenen Schweizer Autorin Gianna Molinari, die den vierten, mit 7500 Euro dotierten 3-Sat-Preis gewann, und von Jackie Thomae. Und Noemi Schneider spielt diese Auswirkungen in ihrem lässigen, vielleicht zu lässigen Weltuntergangs-Pop- und Reisetext mit dem schönen Titel „Fifty Shades of Gray“ an, von einen Ausflug nach Gibraltar über Stimmung- und Panikmache durch Experten und Politiker bis hin zu einem „blutgetränkten“ Meer.

Wie journalistisch darf Literatur sein?

Die Lebenswirklichkeit unserer Dienstleistungsgesellschaft, die wiederum wusste neben Schmalz die Berliner Autorin Jackie Thomae am treffendsten abzubilden. Sie erzählt in „Cleanster“ von einem Putzmann mit migrantischem Hintergrund, der in der Wohnung einer Berliner Lady nicht klarkommt. Letztendlich geht es um den Aufeinanderprall zweier unterschiedlicher Welten. Die Geschichte ist gut, kommt mitten aus dem urbanen Leben, besser als die nichtssagende, nicht mal schön verspielte von Dürr, besser als die von Schneider, allerdings mit verbesserungsfähigen Dialogen. Obwohl Thomae es immerhin auf die Shortlist schafft, fährt sie ohne Preis nach Hause. Das angeblich glatte, zu obenhin und an Fernsehformate erinnernde Erzählte, vermeintlich zu wenig „Sprachmächtige“ wurde in der Diskussion moniert und ließ die Jury mehrheitlich gegen sie und für Gianna Molinari und ihre Flüchtling-fällt-vom-Himmel-Erzählung stimmen. Obwohl sich auch die kaum durch Sprachfuror auszeichnet.

Überhaupt die Sprache, das Nonplusultra von allem: Die Jury hatte Mühe, die Sprache der vielen ordentlich geschriebenen Texte zu klassifizieren, blieb da selbst sprachlos: mal gar keine, mal eine einfache, nun ja, dann wieder eine journalistisch-reportagenhafte oder eine reduzierte oder eine asketische Sprache, mal Pop, mal 19. Jahrhundert. Das Eigene, das Originelle, das ein Ferdinand Schmalz hat, einen Sound, das stilistisch Bemerkenswerte, das Formvollendete, das Eckhart Nickel ansatzweise zu demonstrieren wusste, das fand sich zu wenig. Nickel erhielt zu Recht den mit 10 000 Euro dotierten dritten Preis für seinen Beeren-Landliebe-Text, der den Biowahnsinn unserer Zeit mit einen individuellen Irrsinn kurzschließt.

Die Jury wirkt genervt - voneinander

Die Jury kam zumeist über den Stoff, den sie nach den Lesungen oft hinlänglich ausbreitete, zur Ästhetik, dazwischen Formeln wie „Mut“ oder „Risiko“ bemühend. Nein, sie war schon besser in Form. Häufig entstand der Eindruck, dass subjektive Geschmacksurteile mehr denn je regierten und mit dem kritischen Besteck objektiv, aber mehr noch strategisch nachbearbeitet wurden. Man spürte ein unterdrücktes Genervtsein voneinander, das sich öffentlich Bahn brach in der Fessmann-gegen-alle-Diskussion nach der Albig-Lesung und ihrem Nachkarten tags drauf. Und so zwingend einfallsreich und hartkantig Klaus Kastberger sein mag, so gut er manches Gelesene auf einen populären Punkt zu bringen vermag: weniger Selbstverliebtheit, weniger Raumfülle würde ihm nicht schaden.

Es bleibt ein indifferenter, diffuser Eindruck. Die Welt wird größer, vielfältiger, selbst im deutschsprachigen Raum, der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb bildet das mit seinem stets internationaler werdenden Teilnehmerfeld durchaus ab, man denke an Siegerinnen wie Sharon Dodua Otoo, Olga Martynova oder Katja Petrowskaja. Trotzdem ist offensichtlich: Klagenfurt braucht mehr Wray-Texte. Und die deutschsprachige Gegenwartsliteratur braucht diesen Wettbewerb nicht. Die Literaturkritik dagegen eher – nirgendwo lässt sich schöner der Arbeit nachgehen als am Wörther See und in seiner Umgebung.

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