Kultur : Baden gehn, Waden sehn

GÜNTHER GRACK

Giftiges Wasser vernichtet eine Stadt.Andreas Kriegenburg, mit dem Schauspiel Hannover bei Berlins Theatertreffen zu Gast, macht aus Ibsens "Volksfeind" ein Meer des Klamauks - mit Inseln der StilleVON GÜNTHER GRACKDer Herr Bürgermeister ist schon ganz grün im Gesicht, er kotzt in seinen Hut und macht sich in die Hosen - das Heilwasser seines Badeorts aber, das vermeintlich gesunde, schüttet er weiter in sich hinein.Er will nicht wahrhaben, wovor sein Bruder, der Badearzt, ihn warnt: daß die Quelle, die dem Städtchen eine blühende Zukunft sichern soll, von giftigen Industrieabwässern verseucht ist.Und so schleppt er immer neue Flaschen mit dem trügerisch klaren Wasser ins Haus, und eine Volksversammlung, auf der dieser Fall von Umweltverschmutzung zur Debatte steht, nützt er zu einer weiteren Demonstration seines unerschütterlichen Vertrauens in das kühle Naß: nur mit einer Badehose bekleidet, führt er seine gleichfalls leichtgeschürzten Gesinnungsgenossen an, auf den Lippen das fröhliche Lied "Am Sonntag will mein Liebster mit mir baden gehn ..."Ist der Mann noch zu retten? Oder ist es eher sein Bruder, der spinnt? Hat er nicht recht, der Herr Doktor, mit seiner Anklage, es sei etwas faul im Staate Norwegen? Die Brüder, einer so ehrgeizig wie der andere, schaukeln sich gegenseitig hoch in ihrem Streit um das Heilbad - hinein in eine Groteske, die in Henrik Ibsens Schauspiel mit einer ironischen Kehrtwendung endet.Da sammelt Dr.Thomas Stockmann, seines Postens enthoben und als "Volksfeind" verleumdet, seine Familie um sich und vertraut ihr seine neueste Erkenntnis an: "Der stärkste Mann ist der, der ganz allein ist." Worauf Frau und Tochter ihm tapfer lächelnd ihre Solidarität bekunden.Nicht so in Andreas Kriegenburgs Inszenierung, dem Hannoveraner Beitrag zum Berliner Theatertreffen: da ist Stockmann wirklich ganz allein.Seine Tochter hat sich den Weg in ein anderes Leben freigeschossen, und seine Frau ist an einer Giftspritze, die er ihr verpaßt hat, gestorben.Schluchzend neigt er sich über die Leiche: "Ich, ich, ich", ist sein letztes Wort.Ein Trauerspiel? Höchstens in des Wortes sarkastischer Nebenbedeutung.Ein werktreuer Ibsen war von diesem Regisseur nicht zu erwarten: Kriegenburg übersetzt das Stück vielmehr in seine eigene Körpersprache, und die scheut vor keiner drastischen Zuspitzung zurück.Vorausgesetzt, es findet sich - wie hier geschehen - ein Ensemble, das die Zuspitzung nicht als Zumutung zurückweist: zum Beispiel, sich grünen Salat ins Maul stopfen zu lassen, um sich wechselseitig damit anzuspeien.Es gilt halt anschaulich zu machen, welche Völlerei im Hause des Herrn Doktors herrscht, der im übrigen, gar nicht gesundheitsbewußt, Zigarren pafft, Grog säuft und Bier ausschenkt - freigebig bis in die erste Zuschauerreihe hinein.Da braucht er nämlich einen Ansprechpartner für seinen Kummer um das eigenwillige Fräulein Tochter.Petra, von Beruf Lehrerin, läuft unter der Last der zu korrigierenden Hefte tiefgebeugt herum - Papa muß sie mit Karacho an die Wand werfen, um ihr das Rückgrat zu richten.Die junge Frau bleibt gleichwohl ein sonderbar verklemmtes Wesen bis zuletzt, mit einer rätselhaften Vorliebe für einen Kapitän, der mit seinem Schifferklavier durch die Aufführung geistert: "Spiel", fleht sie ihn an, "mach mich traurig" - und macht ihn tot.Die Schauspielerin Doreen Nixdorf, mit großen Augen aus einem blassen Gesicht in diese verrückte Welt guckend, schafft es, inmitten dieses turbulenten Puppentheaters menschliche Anteilnahme auf sich zu ziehen, und Laurent Simonetti, als Kapitän anfangs nur mit einem Regenschirm seine Blöße deckend, ist ihr ein adäquater Partner: seinem Akkordeon entlockt er wehmütig ziehende Töne.Inseln der Stille in einem Meer des Klamauks: Markwart Müller-Elmau als Bürgermeister und Roland Koch als sein brüderlicher Widerpart wetteifern in den Crescendi, mit denen sie nicht nur ihre Meinungen, sondern auch ihre Leiber aufeinanderprallen lassen.Wenn sich dann auch noch der Buchdrucker Aslaksen, potentieller Verleger der medizinischen Kampfschrift für eine saubere Welt, zu Wort meldet, bringt sein Darsteller Markus Graf mit einem bravourösen Brabbeln das Faß fast zum Überlaufen und weiß sich dann doch, wider Erwarten, verständlich zu machen: "Die kompakte Majorität", versichert er dem Arzt, "steht auf Ihrer Seite." Irrtum! Die Volksversammlung beweist das Gegenteil und der Regisseur sein Gespür für eine legitime Effekthascherei: Kriegenburg verlegt diese Szene, zum Ende der Pause, ins Foyer.Wir flanierenden Zuschauer werden unversehens zu Bürgern des norwegischen Städtchens, und dessen Honoratioren agitieren über unsere Köpfe hinweg: der eine Saubermann im wehenden Mantel, seine vielen Gegner als Badehosenmätze.Das Publikum in der Freien Volksbühne, sofern es nicht vorher das Weite gesucht hatte, gehorchte Kriegenburgs Fuchtel offenkundig gern und feierte namentlich seinen Hauptdarsteller Roland Koch.In der furiosesten Szene des Abends, dem Tanz der lokalen Journaille um den goldenen Knüller, hatte sich der Doktor als ein Apostel gerühmt, "der die Wahrheit hochhält", und dabei die Schreibmaschine gestemmt wie ein Gewichtheber seine Hantel.Volksfeind oder Volksfreund - vor allem einer, der sich selber liebt. Noch einmal heute, 8.Mai, 19 Uhr.

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