Kultur : Badewanne zum Schaukeln

Christian Huther

Pomp und Prüderie der wilhelminischen Epoche lehnten sie ab, auch die moderne Lebensweise in der Stadt war ihnen suspekt. Die Lebensreformer um 1900 wollten das Paradies auf Erden, die Einheit von Mensch und Natur. Dieser heterogenen, in sich äußerst widersprüchlichen Bewegung widmet sich eine große Ausstellung im Darmstädter Institut Mathildenhöhe.

Unter dem lapidaren Titel "Die Lebensreform" sind rund 800 Objekte versammelt, darunter 170 Gemälde, 60 Plastiken, 70 kunstgewerbliche Objekte und mehrere hundert Alltagsgegenstände vom edel gestalteten Buch bis zur flachen, schlichten Kneipp-Sandale. In diesem faszinierenden Panorama soll die Kunst nur eine Nebenrolle spielen, denn der - auch in Darmstadt gepflegte - Jugendstil war nur eine von vielen Facetten um 1900. Mit dem kunsthistorischen Begriff des Jugendstils wird nicht das ganze Ausmaß der Veränderungen erfasst, denn seinerzeit wurde die Einheit von Kunst und Leben verkündet. Folglich machte sich die Lebensreform-Bewegung nicht nur in den angewandten und bildenden Künsten bemerkbar. Sie förderte auch das Aufkommen von Freikörperkultur, Naturheilkunde und Reformkost, die heute noch oder wieder aktuell sind. Als geistiger "Übervater" der Epoche galt Friedrich Nietzsche, dem am Beginn der Ausstellung ein kleiner weißer Tempel mit Büsten, Bildern, Skulpturen, bibliophilen Ausgaben, Handschriften und Zitaten gewidmet ist. Seine Gedanken zum Übermenschen, zu Vernunft, Willen und Natur erregten Aufsehen und wurden auch einer breiteren Bevölkerung bekannt.

Ohnehin war die Lebensreform-Bewegung eine "Querschnittsideologie". Sie erstreckte sich auf alle sozialen Schichten, bündelte vielerlei Mentalitäten und Weltanschauungen von Fortschrittsglauben bis zum Konservativismus. Dieses breite Spektrum versucht die Ausstellung auf wichtige Aspekte der Ideengeschichte zu konzentrieren; nach Nietzsche folgen die Themen Geist, Seele, Natur, Körper, Leben und Lebenspraxis. Von wissenschaftlicher Seite ist die in dreijähriger Vorbereitungszeit entstandene Dokumentation allemal beeindruckend, aber die 1,3 Millionen Mark teure Schau leidet an Überfülle und ist kaum bei einem Besuch zu bewältigen. Weniger wäre mehr gewesen.

Zum Abschluss der dreijährigen Darmstädter Zentenar-Feiern - 1899 war die Gründung der Künstlerkolonie, 1900 die Grundsteinlegung der ersten Künstlerhäuser, 1901 die erste Ausstellung auf der Mathildenhöhe - wurde des Guten zu viel getan. Beispielweise häufen sich die Bilder zu Ausgangslage und Ziel der Lebensreform. Dabei wird das schon an zwei Gemälden Ludwig von Hofmanns deutlich. "Das verlorene Paradies" (1893) vermittelt ein trauriges Bild: Eva krümmt sich verzweifelt zusammen, Adam sitzt in melancholischer Denkerpose da. Von der üppig blühenden Natur merken die beiden Pessimisten nichts. Ganz anders Hofmanns "Frühlingssturm" (1894/95): Ein nackter Jüngling schreitet mit aufrechtem Blick voran, beidseitig flankiert von je einer leicht oder nur spärlich bekleideten jungen Frau. Dieses Bild verkündet den Aufbruch zur Einheit von Mensch und Natur, plädiert für einen ungezwungenen Umgang mit Körper und Nacktheit. Auch die Seele spielte damals eine große Rolle, beklagte man doch ihren Verlust bei der zunehmenden Industrialisierung und Verstädterung. Folglich suchte man Einfühlung in übersinnliche Sphären. Als Programmbild der Lebensreformer gilt das "Lichtgebet" von Fidus, der mit bürgerlichem Namen Hans Höppener hieß. Sein ab 1890 vielfach variiertes Bild zeigt einen nackten jungen Mann in Rückenansicht, der auf einem Berg steht und die Hände nach oben streckt. Dieses an Caspar David Friedrichs "Wanderer über dem Nebelmeer" erinnernde Motiv war damals als billiger Druck in jedem zehnten deutschen Haushalt anzutreffen. Es thematisiert die Befreiung von Körper und Geist, weniger die Sexualität. In der Natur sollte sich der Mensch entfalten, mit den Kleidern auch sein Alltags-Ich abwerfen. Folglich galt die Natur als Resonanzboden der Seele, besonders der Frau schrieb man Empfindsamkeit zu. In vielen Naturbildern kommen Frauen vor, mal träumerisch versunken, mal in der Landschaft wandelnd.

Die "Brücke"-Künstler indes verlegten sich mit ihren zahlreichen Badeszenen auf die ursprüngliche Nacktheit und provozierten damit die bürgerliche Welt. Die in drei von vier Ausstellungssälen ausgebreiteten Kunstwerke rücken den Alltag etwas zu sehr an den Rand. Damit kommt die eigentliche Reformbewegung arg kursorisch zur Ansicht. Das reicht vom ersten elektrischen Lichtbad über eine Höhensonne, Ersatzkaffee aus Feigen, pflanzliche Wurst, Plakate von Reformhäusern, Saftpressen, Weck-Gläser und einen primitiven Heimtrainer bis zur Wellenbadschaukel, einer Zinkbadewanne in Form einer Wiege. Baden und Schaukeln zugleich - für Erwachsene wohl mehr als eine Erinnerung an Kindheitstage.

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