Kultur : Bänker, Banden, Bosse

Sonntag ist Publikumstag: 11 letzte Tipps für alle, die die letzten Berlinale-Stunden unbedingt auch noch im Kino verbringen wollen

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12.30 Uhr, Arsenal, 18.30 Uhr, Cinemaxx 3: Marie et le loup (Forum). Eve Heinrich hat einen hitchcockschen Sinn für die Unheimlichkeit des Alltäglichen. Maisfelder! Dieses trockene Rauschen, ist es nicht ein Todesrascheln? Nie mehr werden wir wie früher durch ein Maisfeld gehen. „Marie et le loup“ untersucht die Frage, ob Angestellte von Gespensterbahnen, die man vor todesraschelnden Maisfeldern wiedertrifft, zwangsläufig Frauenmörder sein müssen. Heinrich erkundet das mit quasihitchcockscher Lakonie und bösem Wohlgefallen an den Prüfungen undämonischer Durchschnittsmenschen kd

14.30 Uhr, International: Monsieur N. (Panorama) – oder Napoleon lebt. Vergessen Sie die Legende vom Giftmord auf Sankt Helena: Nach Antoine de Caunes’ Historienschinken (mit allem, was Historienschinken brauchen: Machtkampf, Fackelschein, Meeresbrandung, Mädchenblüte), wissen Sie die ganze Wahrheit über das Ende des Kaisers. Und wer im NapoleonGrab im Invalidendom liegt, wissen Sie auch. Ein Muss für Liebhaberinnen von Männern in Uniform. chp

14 Uhr, Delphi: Company (Forum) – Bollywoods Version des Gangsterdramas ist eine gute Ergänzung zu den entsprechenden Hongkong-Filmen. Der schöne, sardonische Malik, ein kaltblütiger Gefolgsmann des Bosses, rekrutiert seinen Freund Chandu, um das Geschäft an sich zu reißen. Wilde, fantastisch bunte, bizarr choreografierte Musical-Szenen unterbrechen die rasante Story vom Aufstieg und Fall des aus kleinen Verhältnissen stammenden Helden. sann

14 Uhr, Cinemaxx 7: Fureur (Panorama) von Karim Dridi zeigt nicht nur Wut, Raserei, Rache, alles, was in dem Wort „Fureur“ liegt, er ist all das selbst. Ein kinematografischer Sturmlauf, eine Explosion in Bildern, ein 100 000- Volt-Film. Eine kleine Chinesin in Paris, der ein spanischer Autoschlosser verfällt. Nur dass an dieser Liebe nicht nur die spanische Autoschlosserwelt untergeht. kd

15 Uhr, Babylon, 20 Uhr, Arsenal: Power Trip (Forum). 1999 hat der USMulti AES die georgische Elektrizitätsgesellschaft aufgekauft. Jetzt gilt es, das Netz selbstverlegter Abzweigungen in geordnete Abrechnungsverhältnisse zu überführen. Nicht einfach, denn die Georgier sind es weder gewohnt noch willig, für das tägliche Licht einen Monatslohn auf den Tisch zu legen. Stromsperrungen bringen sie in Aufruhr. Viele Betriebe drücken sich mit Hilfe alter Seilschaften vorm Zahlen. Als Film ist Paul Devlins „Power Trip“ ein Desaster. Als Dokument über das Aufeinandertreffen von amerikanischer Mangement-Technik und postsowjetischem Selbsthelfertum trotzdem von Interesse. sh

16 Uhr, Cinemaxx 6: Unternehmen Pardies (Perspektive Deutsches Kino). Das „neue“ Berlin inspiriert immer noch. Zu den aufwändigen Dokumentationen „Berlin Babylon“ und „Berlin: Die Sinfonie der Großstadt“ liefert Volker Sattel ein sperriges Gegenstück. Die Aufnahmen entstanden 2000, Hauptmotiv ist der Potsdamer Platz; aber auch Badeanstalten und der Zoologische Garten kommen vor. Die meisten Aufnahmen wirken wie Out-Takes, sie zeigen das, was niemanden interessiert. Ein paar bizarre Bilder bleiben haften: Ein gelber Bus vor gelber Hauswand, eine von Vögeln besetzte Baustelle (Hitchcock lässt grüßen!). F. N.

17.30 Uhr, Cinemaxx 9: Lola (Hommage). Im Jahr 1961, 16 Jahre nach dem Krieg, ist die Welt immer noch ohne Männer. Und voller Frauen, die verzweifelt suchen: nach Nähe, Liebe, Lust. Sie tanzen im Zylinder und fahren Karrussell – dass da am Rande noch einige Matrosen, Müßiggänger und Muttersöhnchen auftauchen, lässt Jacques Demy ganz cool und unsentimental beiseite. Ein Musical ohne Worte, ein Reigen ohne Ende, eine nächtliche Irrfahrt durch die Gassen von Nantes – und ein mottenartiger Sturzflug in die Augen von Berlinale-Stargast Anouk Aimée. til

20 Uhr, International: Son frère (Wettbewerb) Es gibt Szenen in diesem Film, die sich tief eingenistet haben im dichten, dicken Kritikerfell. Der geschundene Körper eines lebenden Toten wird gewaschen und rasiert – enthüllt und freigelegt für eine Operation. Der Mann liegt am Wegrand, Sturzbäche von Blut strömen aus seiner Nase, bis ein kleines Mädchen ihn entdeckt und seelenruhig die Mutter ruft. Die Freundin des Mannes, geschwächt durch Mitleid und Pflege, und sein homosexueller Bruder verkeilen sich für einen rasenden Augenblick küssend ineinander. Körperkino, sterbensspannend. juh

20 Uhr, Cinemaxx 3: Mein ers tes Wunder (Perspektive Deutsches Kino) – S chöne neue Idee: Der Gewinner des Ophüls-Festivals für den Nachwuchs-Film wird im Rahmen der Reihe Perspektive Deutsches Kino auch auf der Berlinale gezeigt. In Anne Wilds Geschichte einer Freundschaft zwischen einer 12-Jährigen und einem Familienvater tanzen Elfen, und in der Ostsee liegt ein versunkener Schatz. Ein zarter, bitterer Film über die unsichtbaren Bande, mit denen wir einander umgarnen, bis wir uns verheddern. Und über die Frage, warum Menschen manchmal Schluckauf kriegen. chp

20.15 Uhr, Cinestar 3: Une grande fille comme toi (Panorama). Die Kamera ist verliebt in dieses Mädchen. Sie starrt es an, scharwenzelt herum, beschenkt es mit Großaufnahmen. Dabei ist Sabine gar nicht liebenswert: ein Teenie-Luder, rotzig, trotzig, motzig. Pubertät halt. Irgendwann haut sie ab, vom Land nach Paris. Und, wie das so ist, wird sie langsam zum großen Mädchen. Eine überzeugende Coming-of-age-Geschichte. juh

21.30 Uhr, Zoo-Palast: Owning Mahowny (Panorama). Philip Seymour Hoffman, der begnadete Klemmi des US-Films, als Spielsüchtiger. Braver Allerweltsbanker mit einem Hang zur Abschöpfung anderweitiger Kreditlinien verspielt Millionen, der schüchternste Zocker zwischen Atlantic City und Vegas. Sehr komisch, sehr tragisch und vor allem köstlich cool hat Richard Kwietniowski seinen zweiten Spielfilm in Szene gesetzt. Der ideale Stoff für Berlinale-Süchtige am Ende aller Filme. Enthält auch den schönsten Satz des Festivals: „Twenty is okay“. In welchem Zusammenhang? Lauschen Sie selbst. jal

22.30 Uhr, Cinemaxx 9: Der Gang in die Nacht (Retrospektive). Murnau-Klassiker über das späte Glück eines alternden Arztes: Er gibt der Verlobten wegen einer Tänzerin den Laufpass, zieht an die See und lebt nur noch für die Liebe. Aber die junge Frau, umtriebig und kokett, ist von einem blinden Maler fasziniert, Patient ihres Mannes. Und der, kaum geheilt, entbrennt in heftiger Leidenschaft. Während ein Gewittersturm tobt und die See hohe Wellen schlägt, stürzt das Schicksal vier Menschen in Verzweiflung und Tod. sann

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