Kultur : Bär jeder Vernunft

Ralf Samirs „Hollywood“ am Berliner Kanzleramt

Frederik Hanssen

Das Geheimnis des Erfolgs liegt in den Knien: Die müssen unbedingt locker sein. Genauso wie die Handgelenke. Und die Schultern. Sonst sieht man auf der Bühne nämlich aus wie Ralf Samir. Also stocksteif und verkrampft. Nicht gerade ideale Voraussetzungen, wenn man einen ganzen Abend lang die besten Evergreens der Dreißiger- bis Sechzigerjahre präsentieren soll.

„Hollywood Music Hall“ heißt die Show im „Tipi am Kanzleramt“. Gastgeber: Ralf Samir. Star des Abends: Ralf Samir. Die Bühne betritt ein zugeknöpfter junger Mann im Dreiteiler, dessen rauchiges Timbre einem irgendwie bekannt vorkommt. Richtig, er hat Werbespots für „Burger King“ und „Jakobs Kaffee“ gesprochen. Davor war er Verwaltungsangestellter in Wattenscheid. Keine Tätigkeiten, bei denen man zwingend in den Knien federn können muss. Auf einer Showbühne allerdings schon. Vor allem, wenn um einen herum die supercoolen Jungs vom Savoy Dance Orchestra platziert sind. Denn die haben definitiv Swing, wenn sie „Pennsylvania 6-5000“ spielen oder „Sing, Sing, Sing“. Samir dagegen vermag seine Gliedmaßen nicht mit seiner durchaus attraktiven Stimme in Einklang zu bringen, rudert mit steifen Armen durch die Nummern. Da geht dann irgendwann auch der gutwilligste Zuschauer in die Knie.

Samirs Entdecker ist Max Raabe: Eine Demo-DVD beeindruckte den Palastorchester-Chef. Also gab er seinen guten Namen als Schlüsselreiz für die Show des Newcomers her und fungierte offiziell als Regisseur – nach dem Motto: Was Raab kann, kann Raabe schon lange! Nur, dass „TV-total“-Stefan seinen Max Mutzke so gut gecoacht hat, dass der in Istanbul mit den erfahrenen Profis mithalten konnte. Samir hingegen lässt sich weitgehend unvorbereitet auf einen Songcontest mit den Allergrößten des Showbiz ein: Frank Sinatra, Fred Astaire, Balou. Wobei er als Tanzbär aus dem Dschungelbuch noch die beste Figur macht.

Vielleicht, schießt es einem während der quälend langen zweieinhalb Stunden durch den Kopf, ist das Ganze ja auch eine Parodie. Allein schon der größenwahnsinnige Titel! Wenn das Tipi mal eben zur „Hollywood Music Hall“ wird, ist das herrschaftliche Nachbarhaus wohl eine Traumfabrik, umgeben von den hangarartigen Gebäuden der Parliament- Studios. Wie anders wäre es wohl auch sonst zu erklären, dass zur Samir-Premiere Laurenz Metro-Goldwyn-Meyer eingeladen war?

Bis 27. Februar, Tipi am Kanzleramt.

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