Kultur : Bärenmenschen, Arbeitslose

JÖRG VON UTHMANN

Die Briten lassen das deutsche Theater meist links liegen. Deutsche Dramatiker gelten bei ihnen als humorlose Moralapostel. Anders die Franzosen. Sie teilen mit den Deutschen die Bereitschaft, sich im Theater zu langweilen - vorausgesetzt, die Langeweile kommt einem sogenannten Klassiker zugute. Bert Brecht ist für die Franzosen beinahe so etwas wie ein Nationaldichter, doch keineswegs der einzige deutsche Dramatiker des 20. Jahrhunderts, der in Frankreich gespielt wird.

Alain Françon, der unternehmungslustige Direktor des Théâtre de la Colline im Osten von Paris, kündigt für die nächste Saison nicht nur das "Leben des Galilei" an, sondern auch Georg Kaiser ("Von morgens bis mitternachts") und Franz Xaver Kroetz ("Der Drang"). Derzeit steht "Kasimir und Karoline" auf dem Programm. Ödon von Horváths Wiener - oder in diesem Fall: Münchner - Dialekt scheint ein nahezu unüberwindliches Hindernis für Übersetzer. Es ist Horváths wunderbare Kunst, kleine Leute geschwollen daherreden zu lassen, und während wir noch lachen, begreifen wir gerührt, daß hinter den falschen Worten echte Gefühle stecken. Aber siehe da: Übersetzer Henri Christophe und Regisseur Jacques Niche, der Intendant des Theaters von Toulouse, haben die falsche Naivität genau getroffen und für die bayerischen Biergesänge kongeniale Entsprechungen gefunden.

Kasimir und Karoline gehen auseinander, weil Kasimir seine Stelle als Chauffeur verloren hat und er nicht glauben kann, daß Karoline ihn trotzdem noch liebt. Arbeitslosigkeit - das ist das Gespenst, das durch Horváths Stücke schleicht, und sicher einer der Gründe dafür, warum sie frischer geblieben sind als Brechts klassenkämpferische Parabeln. Auch Eugen Hinkemann ist arbeitslos. Schlimmer noch: Eine Granate hat ihm im Krieg "das Geschlecht fortgeschossen". Um seiner Frau zum Hochzeitstag ein Geschenk kaufen zu können, läßt er sich dazu überreden, auf dem Jahrmarkt als "deutscher Bärenmensch" Ratten und Mäusen die Kehle durchzubeißen. Kroetz hat Ernst Tollers "Der deutsche Hinkemann" bearbeitet und "Der Nusser" genannt. In der französischen Fassung, die Christophe Perton im Kulturhaus von Bourges inszenierte, heißt die Kroetz-Version "La chair empoisonnée" (Das vergiftete Fleisch). Perton hat die expressionistischen Sprachfluten nicht besänftigt. Ehe das Stück beginnt, werden wir mit einem Film konfrontiert, der Kriegsgreuel in Algerien, Bosnien und Ruanda zeigt. Retten kann er das überladene Melodram freilich nicht. Weder die vorzüglichen Schauspieler (allen voran Gilles Masson in der Rolle des bärenstarken Kastraten) noch die reichlich gebotene Nacktheit oder der Riesenphallus, der statt des Kreuzes in der Kirche aufragt, können den traurigen Befund ändern: Tollers Pathos ist passé.

Die Erkenntnis, daß Arbeitslosigkeit nicht nur die underdogs trifft, sondern auch jene, die gewohnt waren, andere einzustellen und zu entlassen, verdanken Theaterfreunde dem Schweizer Autor Urs Widmer. Sein Stück "Top Dogs" war vor drei Jahren da: Entzücken der Kritiker, die ihn mit Preisen überhäuften. Auch für Spitzenmanager ist der Verlust des Arbeitsplatzes ein Schock. Widmer verschweigt das nicht. Aber ebensowenig verschweigt er die Komik der Crash-Kurse, die den großen Affen beibringen sollen, wie man vom Baumwipfel herunterklettert, um auf einem niedrigeren Ast Platz zu nehmen. Nach der Premiere im Zürcher Neumarkt-Theater wurde das Stück von mehreren deutschen Bühnen nachgespielt. Jetzt ist es in Frankreich angekommen und nicht ganz zufällig in Saint-Étienne. In der französischen Theaterlandschaft ist die Comédia de Saint Étienne das Gegenstück zum Schauspielhaus Bochum. Die Bergwerke, die die Stadt einst ernährten, sind längst stillgelegt. Auch mit der Stahlindustrie geht es bergab. Die Arbeitslosenquote ist hoch - wie der Prozentsatz derer, die Front National wählen. Die Comédie de Saint-Étienne liegt mitten in der Altstadt, die jetzt hauptsächlich von Arabern bevölkert wird. Gewalttätige Übergriffe sind nicht selten, und die Theaterbesucher tun gut daran, ihre geparkten Autos sorgfältig zu sichern.

In diesem Ambiente also inszeniert der Hausherr Daniel Benoin das Drama der arbeitslosen Spitzenmanager. Sein Ensemble führt er wie ein Marionettenspieler seine Puppen. Er tut es mit Eleganz, Leichtigkeit und den Lichteffekten eines Fotografen, der Schnappschüsse macht. Im Parkett sitzen die Honoratioren der Stadt und eine Menge junger Leute, die nicht den Eindruck erwecken, daß sie einer regelmäßigen Arbeit nachgehen. Es wird viel gelacht. Wenn einer der topdogs auf der Bühne gesteht, daß er außerstande ist, sich an das Steuer seines neuen BMW zu setzen, und ein anderer, daß er während des Karibik-Urlaubs sein Hotelzimmer nicht verließ, dann werden die underdogs auf einmal ganz still.

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