Kultur : Bagdad – Leipzig

Buchmesse eröffnet, Friedenspreis für Schröder und Fischer?

Marius Meller/Gregor Dotzauer

Gestern morgen fanden Bauarbeiter in Leipzig eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg, eine Stunde vor Öffnung der Messehallen, auf dem Zubringer Essener Straße. Alle, die mit dem Auto zur Buchmesse am nördlichen Stadtrand unterwegs sind, müssen zu Fuß gehen. Der Stau ist fünf Kilometer lang.

Nach der Eröffnungsfeier im Gewandhaus am Mittwochabend hatten viele Autoren und Journalisten bis zum Ablauf des Irak-Ultimatums ausgeharrt – und über die Festreden diskutiert, die jede Erwartung auf eine Positionsbestimmung der literarischen Welt enttäuschten. Viele echauffieren sich über Kulturstaatsministerin Christina Weiss, die in ihrer Rede zur „Essenz der Kultur“ mit Klischees aus der Kiste „Bücher machen die Welt besser“ hantierte: Literatur gilt da nur als Talisman gegen die Schrecken der Welt. Als Magd der Moral und political correctness.

Jutta Limbach dagegen, ehemals Verfassungsgerichtspräsidentin, jetzt Präsidentin des Goethe-Institutes, überzeugte das Publikum. Limbach analysierte mehrere Texte osteuropäischer Autoren und ging der Frage nach, warum die Sympathien in Ost- und Mitteleuropa häufig Amerika gelten und damit nicht zur europäischen Integration beitragen. Limbachs Enttäuschung darüber, dass Europa nicht mit einer Stimme zu reden verstehe, war der produktivste Beitrag des Abends. Juristen verstehen oft mehr von Texten als Germanisten und trennen schärfer zwischen Geist und Buchstaben.

Als das Publikum dann am Donnerstagmorgen trotz Bombenfund in die Messehallen zu den Ständen von fast 2000 Verlagen und zahllosen Veranstaltungen strömt, herrscht zwiespältige Stimmung. Betriebsamkeit, gemischt mit Bedrückung. Am Eingang zum „Berliner Zimmer“ kann man mit seiner Unterschrift gegen Bushs Krieg protestieren. Neben der Bühne hängt ein mit schwarzem Filzer bekrakeltes „No War“-Plakat, und weil der Raum mit Bildern aus dem Leben Egon Erwin Kischs geschmückt ist, wird zur Einstimmung auf eine Lesung von Wolfgang Hilbig (mit seinen tiefschwarzen Erzählwelten) eine Passage von Egon Erwin Kisch zitiert, die sich mit dem militärischen Konflikt zwischen Albanien und Montenegro im Jahr 1913 beschäftigt.

Während der Verband deutscher Schriftsteller Gerhard Schröder und Joschka Fischer für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels vorschlägt, nutzt die Bundeswehr die Gunst der Stunde, um Jugendlichen an ihrem Stand ein geopolitisches Strategiespiel nahezubringen, bei dem diese lernen sollen, Konflikte friedlich zu lösen. Und „Der geistige Revolutionär Christus“, die knallig aufgemachte, bei den vorbeiflanierenden Schülern sehr begehrte „Zeitung junger Urchristen in Seinem Geiste“, rechnet zwar mit der Politik von George W. Bush ab, hat aber eher die kriegslüsterne Bibel im Auge: „Die Bibel ist nicht Gottes Wort.“ Zitate aus dem Alten Testament sollen das illustrieren.

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq („Ausweitung der Kampfzone“) ist seit seinen in der Presse missverständlich wiedergegebenen Polemiken zum Islam ein gebranntes Kind in Sachen politische Statements. Houellebecq gibt sich auf dem blauen Sofa in der Eingangshalle zugeknöpft. Dennoch erklärt er: „Wenn es heute darum geht, gegen Al-Qaida zu kämpfen, dann ist dieser Krieg gegenstandslos. Denn es ist eindeutig, dass Saddam Husseins Regime in keiner Weise den Idealen bin Ladens entspricht.“ Befragt, ob er bei dem „Iraqui Freedom“-Feldzug der Amerikaner Parallelen zur Befreiung Deutschlands 1945 sehe, erklärt er: „Der gerechte Krieg ist ein interessantes Thema. Aber normalerweise muss eine Aggression gegen andere Länder vorliegen. Bei Deutschland war das zweifelsfrei der Fall.“

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