Kultur : Bahnhof der Sehnsucht

Berliner Schauspielstudenten wagen sich an Theresia Walser

Frank Dietschreit

Von irgendwo her hört man die Geräusche an- und abfahrender Eisenbahnzüge. Menschen hasten durch einen galliggrün gekachelten, matt beleuchteten Tunnel, der zu den Gleisen, vielleicht aber auch geradewegs in die Hölle führt. Alle, die hier vorbei kommen, all die verdreckten Knaben und aufgedonnerten Mädchen, Gyros verkaufenden Griechen, wollen aufbrechen in ein neues Leben. Aus ihren Mündern purzeln Sätze wie „Wir feiern heute die Stunde Null, machen einen Ausflug auf den Thuner See und werfen unser früheres Leben über Bord.“ Doch dann bleiben sie doch alle an diesem düsteren Ort.

Theresia Walser, von der Fachzeitschrift „Theater heute“ 1999 zur Dramatikerin des Jahres gekürt, hat mit „So wild ist es in unseren Wäldern schon lange nicht mehr“ einen ziemlich sperrigen Text geschrieben. Die ästhetisch überhöhte, mit bizarren Absurditäten durchsetzte Sprache ihrer Figuren will so gar nicht zu deren schlichten, derben Verhalten passen. Und was als Dialog erscheint, ist immer nur ein fortgesetztes Monologisieren von Menschen, die sich nichts mehr zu sagen haben.

Warum sich die Schauspiel-Studenten der Universität der Künste gerade Walsers szenisch schwer zu packendes Stück ausgesucht haben, um ihre Fähigkeiten zu erproben, bleibt ein Rätsel. Vielleicht sogar ein grober Fehler. Regisseurin Barbara Bilabel versucht dem Sprach-Ungetüm durch grobe Grimassen und körperbetonten Aktionismus Leben einzuhauchen. Dadurch entstehen allerschönste Widersprüche, aber kein wirkliches Bühnengeschehen. Hat schon der Text wenig Spannung und Tempo, kommt es in der Intonation auf immergleicher Tonlage beinahe ganz zum Erliegen. Rasender Stillstand.

Ob sich die drei glatzköpfigen Knaben ihre Sehnsüchte um die Ohren hauen, ob sich an ihre Bierdosen klammernden Rudi und Rita ihre kaputte Ehe verplaudern, Brax und Helga ihren Liebesfrust einem Fremden offenbaren oder Friedel und Marie einen amerikanischen Mörder spazieren führen – der unter darstellerischem Hochdruck stehende Reigen aus Paaren und Passanten mündet in ein zähes Nichts.

„Schritt für Schritt baut sich hier ein Zuhause auf, dass ich mich langsam frage, ob nicht irgendwo auf der Welt jetzt ein Zuhause fehlt“, erklärt ein Bahnarbeiter. Dann rammt jemand ihm ein Messer in den Bauch. Warum? Die Inszenierung weiß es nicht.

Theatersaal der Universität der Künste, Fasanenstraße, 28. - 31. Januar., 1., 2. Februar, jeweils um 19.30 Uhr. Karten unter 030/31852374

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