Kultur : Bahnhof mit Bullaugen

FRANK PETER JÄGER

Hinter dem Slogan von der "Renaissance der Bahnhöfe" verbirgt sich keine Wiederentdeckung. Nein, es geht vielmehr um einen Wandel der Funktion von Bahnhofsbauten. Bahnhöfe waren Kathedralen der Industrialisierung, sie feierten die Macht der Lokomotiven, der Beweglichkeit, der Maschinen. Jetzt verwandeln sie sich in Einkaufszentren und urbane Flaniermeilen. Sie feiern nicht mehr die Industrie. Sie feiern den Konsum.Die Berliner Galerie Aedes West stellt jetzt die Planung der Arbeitsgemeinschaft Ingenhoven Overdiek und Partner zum Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofes vor. Stuttgart ist das am weitesten vorangeschrittene "21er-Projekt", wie man die Vorhaben zum Untertunneln innerstädtischer Kopfbahnhöfe nennt. Unlängst aber hat die Bahn das Vorhaben, das bis zum Architektenwettbewerb gediehen war, wegen seiner enormen Kosten in Frage gestellt.Vom alten Kopfbahnhof soll nicht viel übrigbleiben: Alle Gleise werden unter die Erde verlegt, an der Oberfläche bleibt nur das wuchtige, zwischen 1914 und 1922 errichtete, neoklassizistische Bahnhofsgebäude von Paul Bonatz zurück. Etwas verloren steht es künftig inmitten einer weiträumigen Piazza. Der öffentliche Raum der City wird in die Höhe und in den Untergrund erweitert. Doch werden solche Räume nur dann gut angenommen, wenn sie ein Mindestmaß an Verweilqualitäten aufweisen.Damit der neue Bahnhof keine lichtlose, unwirtliche Kachelhöhle wird, gaben Ingenhoven und Partner der unterirdischen Halle "Augen" zur Stadt. Diese 23 kreisrunden Lichtkuppeln sind das gestalterische Herzstück des Vorhabens. Sie lassen im Mittel fünf Prozent der Tageslicht-Helligkeit in die Halle. Das scheint wenig, doch durch eine geschickte Verteilung der Lichtaugen soll die Bahnsteighalle die meiste Zeit des Tages ohne Kunstlicht auskommen und als freundlicher, heller Raum erfahren werden. Sie wird im darüberliegenden Stadtraum durch das Feld der 23 pilzförmigen Glasblasen präsent sein. Nachts erhellen sie als Lichtpilze den Stadtraum. Die ideale konstruktive Form des Auges, Kuppel und Stützpfeiler zugleich, wurde vom Architekturbüro Frei Otto (der unter anderem das Schwebedach des Münchner Olympiastadions schuf) durch Verformungsexperimente mit Seifenblasen entwickelt.Die Bahnsteighalle ist als Betongewölbe konstruiert, in der die Oberlichter eine zentrale Rolle für die Statik spielen: Die "Augen" werden von einem halbkreisförmigen Betontrichter gefaßt, der sich zur Basis hin zum Stützpfeiler verjüngt. Im oberen Bereich wirkt er als Reflektor des einfallenden Lichts. Elegant gebogene Lichtpfeiler erinnern an organische Formen; ihre Genese auf dem CAD-Bildschirm ist gleichwohl unübersehbar. Hier entsteht eine Konstruktion, die - im besten Sinne - über die Funktion zur Form findet. Indem die Beziehung zwischen Stadtraum und Untergrund hervorgehoben wird, bleibt der Bahnhof im Stadtraum präsent. Die Eingänge in den unterirdischen Bereich bilden vier asymmetrische Glaskuppeln, die durch und durch transparent, aber auch etwas beliebig wirken. Eine der Glashäute schmiegt sich an den Turm des trutzigen Bonatz-Baus - was ein wenig wirkt wie ein tête-à-tête zwischen Seifenblase und Ritterburg.

Galerie Aedes West, S-Bahnbogen 600 am Savignyplatz, bis 1. August. Katalog 20 DM.

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