Kultur : Balanceakt

Stimme weg, Flöte gut: Jethro Tull in Berlin

Florian Zimmer-Amrhein

Ein Hauch von Sehnsucht nach der längst vergangenen Blüte der Rockmusik, dem Summer of Love, nach der eigenen, ebenfalls längst vergangenen Jugend liegt in der Luft. Das eint die rund 3500 Zuschauer, die den Weg in die Zitadelle Spandau gefunden haben, um unter freiem Himmel herauszufinden, ob der legendäre Ian Anderson mit seiner Band Jethro Tull noch genauso euphorisch rocken kann, wie vor vierzig Jahren. Damals spielte die britische Band auf dem Isle of Wight Festival vor einer halben Million Menschen.

Mit diesem in seiner Kraft und Virtuosität unvergessenen Auftritt aus dem Jahr 1970 hat das Konzert in der Zitadelle Spandau wenig gemeinsam. Zwar eröffnen die Tulls gleich mit einem Paukenschlag – „Nothing Is Easy“, ein Song aus dem „Stand Up“-Album von 1969 – während der ersten Minuten überwiegt jedoch der Schreck darüber, dass aus der Stimme des mittlerweile fast 70-jährigen Anderson nur mehr ein konsequent neben dem Ton krächzender Störfaktor geworden ist. Das Mikrofon ist dementsprechend leise gedreht. Die Songtexte lassen sich hinter der immer noch bravourös aufspielenden vierköpfigen Band kaum mehr erahnen.

Wie von den Fans erwartet, baut sie ganz auf die Zugkraft der Klassiker. So bestimmen mit „Thick as a Brick“, „A New Day Yesterday“, „Cross-Eyed Mary“, und „Aqualung“ vorwiegend Titel aus dem progressiven Frühwerk der Band den Abend und laden zum Mitsingen ein.

Als krönende Zugabe gibt es nach 90 Minuten – wie könnte es anders sein – „Locomotive Breath“. Bei Songs wie diesem scheint sie dann doch wieder durch: die außergewöhnliche Bühnenpräsenz des Ian Anderson. Sobald er das Singen sein lässt und zur Querflöte greift, um auf einem Bein balancierend seiner Flöte die wahnwitzigsten Melodien zu entlocken, leben für einige Minuten die wilden Siebziger wieder auf und lassen vergessen, dass aus dem progressiven Bluesrock mittlerweile altbackige Folklore geworden ist. Florian Zimmer-Amrhein

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