Kultur : Balkan, Babel, Babbel

Eine

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von Gregor Dotzauer

Ja, er hat noch Freunde. Nachdem der Düsseldorfer Stadtrat die Verleihung des Heine-Preises an Peter Handke verhindern will (siehe Meldung), sind die besten nun aber vielleicht diejenigen, die ihm nicht rückhaltlos die Stange halten. Leser, die trennen können zwischen dem, was ihn zu einem der größten Schriftsteller der Gegenwart gemacht hat – und seinen kläglichen, stilistisch verquollenen, rechthaberischen Meinungen zu balkanischen Angelegenheiten, die gern im literarischen Ornat auftreten, doch allzu oft nur Journalistenpoesie sind. Solange solche Leser seinen Weg verfolgen, steht er weder in Gefahr, zum serbischen Volkshelden erklärt zu werden, noch zu einer persona non grata des Literaturbetriebs – obwohl sich viele fragen, ob sich nicht doch ein Zusammenhang zwischen Handkes dichterischen Friedensfeiern und seinen Sympathien für den Kriegsfürsten Slobodan Milosevic herstellen lässt.

All seine Freunde, die ihm für seine balkanischen Schriften im Namen einer höheren Wahrheit die Absolution erteilen wollen, vermischen Sphären, die die genaue Lektüre der Texte nicht hergibt. Handkes Sündenfall liegt nicht in der Allianz mit einem verbrecherischen Staat, wie sie kurzzeitig der Dichter Gottfried Benn oder der Philosoph Martin Heidegger eingingen. Sein Makel liegt nicht in einer Weltsicht, deren Kälte wie bei Louis-Ferdinand Céline in die Literatur hinein ausstrahlt. Er liegt in der unseligen Doppelstrategie, die Auseinandersetzung mit geschichtlichen Tatsachen zu suchen, Argumente aber zu verweigern. Handke posiert als Dichter und Seher, zugleich agiert er als Journalist, der Reportern und politischen Kommentatoren die Leviten liest – am heftigsten und fahrigsten zuletzt in der Den Haager Prozessreportage „Rund um das große Tribunal“ (2003). Beide Rollen zusammen sind nicht zu haben – auch wenn man kein Balkanspezialist sein muss, um zu erkennen, dass die Dinge wie bei den meisten nationalen und ethnischen Konflikten komplizierter liegen, als die politische Doktrin aller Seiten es lehrt.

Selbstverständlich darf man über die Vorzüge von Titos Jugoslawien vor dem gewaltsamen Zerfall spekulieren. Und natürlich gibt es eine poetische Wahrheit, die sich gegen das allzu Irdische mobilisieren lässt. Ihre Rückverwandlung in medientaugliche Pointen ist der größte Skandal dieser Tage. Den Höhepunkt an Selbstgerechtigkeit hat gerade die „Welt“ erreicht: Sie erklärte, dass Handkes Sicht offenbar für das „Kartell der Intellektuellen“ inakzeptabel geworden sei. So kocht jeder sein Süppchen. Die Aufmerksamkeit für das Detail und die Nuance, die Peter Handke so am Herzen liegt, geht dabei mit vor die Hunde.

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