Kultur : Balkan heute: Wie weit öffnet Europa seine Tore?

Moritz Schuller

Kurz vor Schluss schauten Egon Bahr und Peter Schneider vorbei. Der Balkan, sagte Bahr, sei noch nicht reif für Europa. Und der Schriftsteller Peter Schneider forderte, die Rolle der Intellektuellen im Jugoslawien-Krieg zu "evaluieren". Er sprach von seinem Leben in Amerika und davon, dass der Konflikt im Balkan "eine schwere Materie" sei. So lange redete er, dass die Philosophin Dunja Melcic ihn barsch unterbrach: "Das haben wir doch alles schon gelesen."

Bahr und Schneider waren in die Debatte gelaufen wie ins offene Messer. Die Runde hatte einen Diskussionsmarathon hinter sich, bei dem die Stimmung - bis hin zu Tränenausbrüchen - immer wieder gekippt war: Fast zwei Tage hatten zwei Dutzend Künstler und Wissenschaftler aus dem Südosten Europas bei einem "Balkan Rundtisch" über Vergangenheit und Schuld und Schande geredet. Nachdem man sich zunächst der Dialogwilligkeit versichert hatte, waren das Selbstverständnis und die zukünftige Form dieses Runden Tisches Thema. Dieter Simon, als Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften neben György Konrad Mitveranstalter des Treffens, wollte die Versammlung als Thinktank verstanden wissen, als rotierende Institution, an die sich die Experten zukünftig wenden können. "Intellektuelle sollen nicht als Berater auftreten, sondern ihre Meinung kundtun", meinte Simon, doch die Belgrader Ingenieurwissenschaftlerin Srbijanka Turajilic forderte konkrete Vorschläge. Andernfalls drohe ein Fiasko wie in Bosnien, wo trotz internationaler Millionen-Hilfen die Menschen heute ärmer seien als vor drei Jahren.

An Ideen mangelte es nicht. Die Bildungseinrichtungen müssten gestärkt werden, sagte Ljubomor Maksimovic, ein Byzantinist aus Belgrad. Und das schnell, um die Abwanderung der Studenten einzudämmen. Durch die schlechte Ausstattung der Universitäten sei "die junge Generation mehr oder weniger verloren gegangen". Andere forderten eine Schulbuchkommission oder den Doppelpass etwa für Kroaten und Serben.

Doch der Blick nach vorn war auch ein Blick nach Nizza. Aufgefordert, das Ergebnis des EU-Gipfels für den Balkan zu interpretieren, präsentierte sich Bahr als Vertreter eines Europas, das selbst die zerstrittenen Balkanländer zur Solidarität bewegte. "Die Menschen auf dem Balkan müssen sich auch helfen lassen wollen. Ich glaube nicht, dass sie das wollen", verkündete er kühl. Angesichts solcher Skepsis forderte Stefan Messmann von der Central European University in Budapest eine Freihandelszone für die zersplitterten Märkte der Region. Und auch Dunja Melcic sprach sich für mehr Selbstständigkeit aus: "Wenn die EU die Tür nur einen Spalt aufmacht, warum sollen wir uns daran halten?"

Das nächste Treffen werde in Budapest stattfinden, sagte György Konrad, mit weiterer Diskussion "über ein friedliches Miteinander". Vielleicht kommen Bahr und Schneider wieder vorbei.

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