Kultur : Balkan-Konflikt: Explosionsgefahr

Stephan Israel

Ein Soldat der jugoslawischen Bundesarmee sei von einem albanischen Heckenschützen verletzt worden, meldeten die serbischen Behörden am Mittwoch in Bujanovac. Alltag im südserbischen Presevo-Tal. Der gut einjährige Konflikt zwischen serbischen Polizei- sowie Armeeinheiten auf der einen Seite und der albanischen "Befreiungsarmee für Presevo, Medvedja und Bujanovac" (UCPMB) auf der anderen hat schon über 30 Todesopfer gefordert, darunter zwölf Polizisten. Im benachbarten Kosovo ist die Zahl der Opfer knapp eine Woche nach dem Anschlag auf einen Buskonvoi mit serbischen Zivilisten auf zehn gestiegen. Den Sprengsatz unter dem Bus hatten mit großer Wahrscheinlichkeit albanische Extremisten gezündet. Noch immer liegen mehr als zwei Dutzend Passagiere mit zum Teil sehr schweren Verletzungen im Krankenhaus.

Grafik: Krisenregion Serbien

Szenenwechsel an die kosovarisch-mazedonische Grenze: Der Übergang gilt als Eldorado für Schmuggler aller Art. Auf beiden Seiten leben Albaner. Im Kosovo ist die Nato-Friedenstruppe (Kfor) mit dem Grenzschutz überfordert. Auf der mazedonischen Seite ist die Polizei korruptionsanfällig, und nicht alle Soldaten der kleinen Armee des jungen Staates wollen ihr Leben riskieren.

An der kosovarisch-mazedonischen Grenze geht es nicht nur ums Geschäft. Wie so oft auf dem Balkan gehen mafiose und politische Aktivitäten fließend ineinander über. Das trifft auf den Vielvölkerstaat Mazedonien besonders zu, wo Slawen und Albaner mit wachsendem Misstrauen nebeneinander leben. Im Januar ist im albanisch dominierten Westmazedonien ein Anschlag auf eine Polizeistation verübt worden. Ein Polizist kam dabei ums Leben. In Skopje gehen die Meinungen darüber auseinander, wer dahinter stecken könnte. Einige wollen dahinter die "Albanische Nationale Armee" (UCSh) sehen, eine noch mysteriöse Gruppierung, die erst in jüngster Zeit in Erscheinung getreten ist. Die "UCSh" wäre ein mazedonisches Pendant zur UCPMB im südserbischen Presevo-Tal und eine zweite Nachfolgeorganisation zur "Kosovo-Befreiungsarmee" (UCK), die nach dem Einmarsch der Nato in die ehemals serbische Provinz formell aufgelöst wurde.

Während der 90er Jahre kämpften serbische Rebellen von Kroatien bis Bosnien für Großserbien. Der großserbische Traum ist inzwischen längst der bitteren Realität gewichen. Für mehrere hunderttausend Serben in Kroatien und Bosnien brachten die Kriege von Slobodan Milosevic die Flucht. Heute drängt man sich um einige Illusionen ärmer in verarmten Mutterland. Das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends droht nun auf dem Balkan vom großalbanischen Traum überschattet zu werden. Die Schwarzhemden der UCPMB im Presevo-Tal kämpfen vordergründig für die Rechte der albanischen Minderheit in Südserbien. Nebojsa Covic, den serbischen Vizepremier und Belgrader Unterhändler, hat man bisher jedoch abblitzen lassen. Die Hardliner in der Pufferzone zum Kosovo scheinen nicht wirklich am Dialog mit Belgrad interessiert zu sein. Ihre Ideologen haben ohnehin viel weiter reichende Pläne. Sie möchten die Landkarte neu zeichnen und reden vom Presevo-Tal am liebsten als "Ostkosovo".

Albanische Nationalisten wittern heute die einmalige Chance, eine in ihren Augen historische Ungerechtigkeit zu korrigieren: Albaner leben über Albanien, Mazedonien, Montenegro, Kosovo sowie Südserbien verteilt und durch Grenzen getrennt. Im Kosovo tut sich die Nato-Friedenstruppe bereits heute schwer, die albanische Mehrheit im Drang nach Unabhängigkeit zu stoppen. Die westlichen Soldaten waren einst als "Befreier" gefeiert worden. Schon bald könnten sie ähnlich wie einst die serbischen Einheiten als "Besatzer" empfunden werden. Im Nato-Hauptquartier muss man sich vor einem Nordirland-Szenario fürchten, bei dem die Soldaten im Kosovo zur Zielscheibe werden könnten. Die Kfor tut sich auch nach dem Bombenanschlag auf den serbischen Buskonvoi schwer, zu einer härteren Gangart überzugehen. Das Kosovo könnte für die 40 000 Mann starke Truppe schnell zur Falle werden. Die Hoffnung auf Frieden und schnelle Prosperität ist nach dem Ende der Ära von Slobodan Milosevic wieder in Gefahr. Das "Pulverfass Balkan" droht seinem Ruf gerecht zu bleiben.

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