Kultur : Balkan-Krise: Die Albaner gibt es nicht

Den "Balkan im eigenen Auge", nennt Slavoj Zizek die Konstruktion, die westeuropäische Nachbarn vom "Balkan" herstellen. Nun sind wir - angesichts der bürgerkriegsähnlichen Situation in Mazedonien - in der nächsten Phase des Konstruierens angelangt. Vom "Virus der Gewalt" ist wieder die Rede, vom "sich ausbreitenden Bazillus ethnischer Spannung" und so fort - Sprachbilder, die "den Balkan" und seine Bewohner einer Naturgewalt gleichsetzen, nicht einem Ort der politschen Interessenkonflikte. Auch "die Albaner" spielen wieder eine große Rolle. In unseren westlichen Köpfen sind diese Leute erstaunlich mutationsfähig.

Aus den wilden Skipetaren Karl Mays wurden die eingemauerten Sklaven Enver Hoxhas, die sich später als mafiöse Mädchenhändler, Drogenschmuggler und Hütchenspieler von St. Pauli entpuppten, um 1999 die Opfer und Schützlinge der Nato zu werden. Bald darauf verwandelten sie sich zurück in - vorwiegend kosovarische - Mafiosi und wurden überdies noch "ethnische Säuberer". Jetzt sind sie vollends etikettiert: als terroristische Erpresser für ein Panalbanien, Bergbauern, die in Mazedoniens Norden Zapatisten imitieren. Unglaubwürdig geworden ist mit "den Albanern" selbstverständlich die transatlantische Allianz, "die Nato". Erstmal aber die Albaner.

Frappierend an den mythischen Wenden, die albanisch sprechende Bevölkerungsgruppen in Tirana, Skopje oder Pristina in der jeweils gültigen Vorstellung vollziehen können, ist das fehlende Interesse, sich mit "den Albanern" anders als auf dem flachen Feld der Fernsehbilder zu befassen. Talkshow-Gäste und Kommentatoren wissen, wer "die Albaner" - oder wenigstens die "Kosovo-Albaner" - sind, meist ohne den Unterschied zwischen Veton Surroj oder Flora Brovina und Rexhep Qosja zu kennen; und sie wissen, was "die UCK" ist, ohne den Bogen von Ekrem Rexha zu Agim Ceku zu schlagen. Also - wer sind, zum Beispiel, diese Kosovo-Albaner?

Veton Surroj ist Chefredakteur der in Pristina erscheinenden Zeitung Koha Ditore. Er warnte schon Tage nach dem Beginn der serbenfeindlichen Übergriffe im Kosovo im Sommer 1999 davor, dass Kosovo-Albaner sich nicht anders als Milosevics Schlächter verhalten, wenn sie ihre Nachbarn verjagen. Surroj ist ein scharfsinniger, international denkender Demokrat und lehnt jede Idee eines Großalbanien ab. Er war Befürworter des Nato-Einsatzes gegen Serbien.

Rexhep Qosja gehört zu den wenigen bekannten Schriftstellern albanischer Sprache, die ins Deutsche übersetzt wurden, mischt in der Politik in Pristina mit und hegt eine romantische Neigung für die Idee eines "Großalbanien". Seine Werke quellen über von mythischen Bildern und düsteren Visionen - man kann sie als Psychogramme einer Gruppe lesen, die den Versuch macht, sich selbst zu erfinden und kollektivem Leid mit poetischen Überhöhungen statt mit politischer Analyse zu begegnen.

Ekrem Rexha lernte auf der Militärakademie in Belgrad, studierte sieben Sprachen, kämpfte während des Bosnienkrieges gegen Milosevic und war sozialistischer Demokrat. Die UCK machte ihn zu einem ihrer Generäle, doch schon am Tag nach dem Krieg sprach er offen für eine Verständigung aller "ethnischen" Gruppen im Kosovo. Die UNO-Verwaltung in Prizren sah in ihm zu Recht einen Hoffnungsträger. Ein Jahr, nachdem sie ihn angestellt hatte, am 8. Mai 2000, wurde der 40-jährige Rexha vor seiner Haustür erschossen. Man vermutet, dass die Täter dem nationalistischen und kriminellen Arm der UCK angehörten.

Agim Ceku, Chef der UCK während des Kosovo-Krieges, und sein Bruder Lek Ceku zählen zu diesen Leuten. Informell halten die beiden Männer der harten UCK-Fraktion einen großen Teil der chaotisch organisierten Wirtschaft im Kosovo in Händen. Geduldet oder ignoriert von Kfor und UNMIK, bemächtigten sie sich vor allem des "herrenlosen" jugoslawischen Staatseigentums, etwa der Hotels. Die Cekus sollen auch hinter Waffen- und Ideologielieferanten der jetzigen UCK in Mazedonien stecken.

Flora Brovina ist Ärztin, Schriftstellerin und Menschenrechtlerin aus Pristina. Während der schlimmsten Phase der Konflikte wurde sie von serbischen Milizen inhaftiert und in der Haft misshandelt. Seit einigen Monaten ist sie frei. Jetzt gilt ihr Engagement Serben und Roma im Kosovo. Vor zwei Wochen war sie in New York, wo die UNO sie mit einem Menschenrechtspreis auszeichnete.

Die Albaner gibt es nicht. Die Serben ebensowenig, und nicht die Mazedonier. Es gibt Eliten, Kriminelle, Intellektuelle und Außenseiter, Demokraten, Nationalisten, politische Vollidioten. Mythentümler und Aufklärer. Wie die Deutschen mit ihrer dubiosen Stolzdebatte an ihrer Selbstkonstruktion basteln, so kleben und kitten, übermalen und schweißen verschiedene Gruppen in Südosteuropa an ihren Identitäten, während ihnen wenige andere - wie Brovina, Rhexa und Surroj - politisch weit voraus sind.

Ihren gravierenden Fehler begingen die Interims-Machthaber im Kosovo nicht mit der Intervention. Verantwortungsscheu und kleinmütig vertrauten sie nach der Intervention ihrer eigenen Rolle nicht. So haben sie es versäumt, zu vermitteln, was jenseits von "Nation" und Mythen Erfreuliches zu finden ist. Als internationale Kraft wurden sie kaum verstanden. Die UCK der Cekus und Thacis erhielt vielmehr Signale der Duldung und Anerkennung - Wesley Clark zeichnete Hashim Thaci am 10. Mai 2000 sogar mit einem Nato-Orden aus. Statt ihre Entscheidungsfülle zu nutzen, hielten sie sich autoritätshörig an die "leader", die in dieser traumatisierten Landschaft zu finden waren.

Was Menschenrechte bedeuten, und dass Kooperation wie politischer Einfluss fest an ein klares Verständnis von Demokratie und Menschenrechten gebunden sind, das hat die neue Macht im Kosovo nicht vermittelt. Wenn ihr Motor denn der Glaube an Autorität ist, dann muss es die eigene sein, auf die sie setzt, nicht die der dubiosen Figuren, die man ihr vorsetzt. Mit Albanern wie Rexha, der nicht genug geschützt wurde von der Interimsregierung, mit Bürgern wie Brovina oder Surroj, oder auch mit Leuten wie dem jungen Autor Beqe Cufaj, der im deutschen Exil lebt, kann man gute Politik machen. Und mit festem Durchgreifen gegenüber den anderen.

Die Früchte der Missverständnisse und Missverhältnisse erntet jetzt Mazedonien, eine vergleichweise wackere Demokratie in ihrer Pubertät. "Balkanisch" war hier nicht der Balkan. Balkanisch war die Politik des Westens, der die Demokraten auf dem Balkan ignorierte.

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