Kultur : Balkan-Krise: In Deckung

Stephan Israel

Emini, 32-jährig und stolzer Ladenbesitzer, ist die Eile anzusehen. Ein paar Freunde helfen ihm, die Teppichrollen aus dem Geschäft zu tragen und auf einen weißen Kleintransporter zu laden. Emini, ein Albaner aus Tetovo, will die wertvolle Ware rechtzeitig in Sicherheit bringen. 50 000 Mark seien die Teppiche wert, die in einer Ladung Platz haben. Emini muss mit seinem Kleintransporter noch einmal in die Geschäftstraße von Tetovo kommen, um auch den Rest zu holen. Emini spricht sechs Sprachen und hat als Polizeidolmetscher in Deutschland das Geld für den Laden verdient. Weshalb räumt er in überstürzter Hast die Teppiche aus dem Geschäft und bringt sie im nahen Heimatdorf in Sicherheit? In der Nacht, weiß Emini, wird jetzt in Tetovo geraubt und geplündert. In leere Wohnungen oder Ladenlokale wird mit Vorliebe eingebrochen.

Im kurzen Augenblick zwischen Frieden und Krieg herrscht Rechtlosigkeit. Alle halten den Atem an, und die Kriminellen haben freie Hand. Die Polizei von Tetovo hat Emini, dem stolzen Ladenbesitzer, einen einfachen Rat gegeben: "Schießen Sie einfach, wenn Ihnen jemand verdächtig vorkommt". Schießgerät gibt es genug in der Stadt. In fast jedem Haushalt gebe es eine Waffe, weiß Emini. Von der Polizei kann man in diesen Tagen keine Hilfe mehr erwarten. Und niemand kann sich sicher fühlen. Ob albanischer oder slawischer Mazedonier, Kriminelle machen da keinen Unterschied. Rauf Ramadani, Albaner und Chef der örtlichen Polizei, sagt es ganz deutlich: "Wir können unsere Polizisten nicht in der Nacht auf die Straßen schicken, weil sie dann zu Zielscheiben werden."

Im Konflikt zwischen den paramilitärischen Sondereinheiten aus Skopje und den albanischen Rebellen am Berg über Tetovo ist der Ortspolizist verloren irgendwo zwischen den Fronten. Dort warnt er hilflos vor einem "zweiten Sarajevo" und einem Bürgerkrieg, in dem slawische und albanische Mazedonier aufeinander schießen.

Hat die Politik kapituliert?

Jetzt sprechen die Waffen, die Politiker schweigen oder reden hilflos daher. Das Büro von Arben Xhaferi, dem einst mächtigen Albanerführer und Chef der Demokratischen Partei (DPA), scheint verwaist. Vielleicht wird ja in Skopje mit den Partnern in der ethnisch gemischten Koalitionsregierung verzweifelt nach einer Lösung gesucht. "Diese Leute wollen uns die Initiative aus der Hand nehmen", mahnte Xhaferi noch vor zwei Wochen, als die Rebellen der "Nationalen Befreiungsarmee" (UCK) im Grenzdorf Tanusevci in Erscheinung traten. Die Prognose des Albanerführers hat sich schneller als erwartet erfüllt. Vielleicht hat die Politik schon kapituliert. Arben Xhaferi will heute mit seiner Partei von der Bühne abtreten, sollten die Rebellen den besseren Weg im Kampf um die Albanerrechte kennen.

Am Freitag steigen wieder dicke Rauchwolken am Berg über Tetovo auf, und die letzten Passanten unten in der leeren Stadt bringen sich in Sicherheit. Branko ist slawischer Mazedonier und Besitzer des Restaurants Rima, in der Nähe des Geschäfts, in dem der Albaner Emini bis vor kurzem seine Teppiche verkaufte. "Um diese Tageszeit ist das Lokal normalerweise voll", schüttelt Branko den Kopf. Heute sitzt er mit ein paar wenigen Gästen alleine am Tisch in der hintersten Ecke. Der Großteil der slawischen Mazedonier, 15 Prozent der Bevölkerung in der albanischen Stadt, hätten Tetovo verlassen oder zumindest ihre Familien in Skopje Sicherheit gebracht.

Donnergrollen der Artillerie

Wer noch gehen will, muss sich beeilen. Denn am Freitag ist in der Stadt kaum mehr ein Taxifahrer zu finden, der einsatzbereit wäre. "Was soll ich in Skopje, vielleicht beginnt ja der Krieg dort auch schon bald", sieht Branko für sich keinen Ausweg. Auch in der Hauptstadt leben Albaner, etwa 200 000. Und die Albaner, glaubt Branko zu wissen, wollen diesen Krieg.

Am Freitag sollen die mazedonischen Streitkräfte, von der Regierung inzwischen zum Einsatz fern der Grenzen befugt, schwere Artillerie nach Tetovo gebracht haben. Das schwere Donnergrollen der Einschläge und Explosionen am Berg über Tetovo wird immer bedrohlicher. Unten in der Stadt spricht man inzwischen offen über den Krieg. Fadil Sulejmani sitzt auch am dritten Kriegstag in seinem Büro. Fadil Sulejmani ist ein ergrauter Herr und Rektor einer albanischen Universität, die von der Regierung in Skopje nie anerkannt wurde.

Der Rektor redet verbittert über die internationale Gemeinschaft, die ihn links liegen gelassen hat. Aber auch über die Politiker der Albaner, die schon am Tag nach der Wahl die Versprechungen vergessen. Noch immer, sagt Fadil Sulejmani, seien die Albaner Bürger zweiter Klasse im mazedonischen Staat. Man will nicht länger die geschmähte Minderheit sein, pocht jetzt unüberhörbar auf Gleichberechtigung.

Draußen am Berg knallt es, und fast könnte man meinen, den Ausdruck von Genugtuung über das Gesicht des älteren Herrn huschen zu sehen. "Die UCK ist das Resultat der großen albanischen Diskriminierung", sagt Fadil Sulejmani in fließendem Deutsch und mit Grabesstimme. 60 Jahre lang, blickt der Rektor weit in die Geschichte zurück, hätten die Albaner in Mazedonien vergeblich um die Gleichberechtigung mit den slawischen Mitbürgern gebettelt. Selbst während der kommunistischen Ära sei es den Albanern besser gegangen als heute. "Die UCK ist die letzte Hoffnung, unsere Ziele zu erreichen", steigert sich der gesetzte Herr im Laufe des Gesprächs in seine Wut hinein. Beim Abschied will er sogar nicht mehr ausschließen, selbst zur Waffe zu greifen.

Grafik:
Krisenregion Balkan

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