Kultur : Balkanländer: Der Westen spricht anders

Friedemann Kluge

Die sprichwörtlichen "balkanischen Zustände" existieren nicht nur innerhalb des derartig charakterisierten geographischen Gebildes, sondern beinahe mehr noch in den Köpfen vieler Menschen hier zu Lande, wenn sie darangehen, sich mit der Politik, der Geschichte oder mit den "Ethnien" der Balkanhalbinsel zu befassen: Selbst relativ gut infomierte und gebildete Personen haben oft kaum mehr übrig für "den Balkan" als ein Kopfschütteln oder Achselzucken.

Da ist jeder Versuch begrüßenswert, den Balkan in den Köpfen des Westens zu "entbalkanisieren", wenn er nur darauf gerichtet ist, das vermeintliche Chaos zu strukturieren. Tatsächlich trägt der eben erschienene Band von Wolfgang Libal und Christine von Kohl "Der Balkan. Stabilität oder Chaos in Europa" dazu bei, ein wenig besser durchzublicken. Den Autoren ist es trotz des bescheiden anmutenden Buchumfanges häufig gelungen, treffsicher den nervus rerum freizulegen.

Dass die Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien die anderen Balkanländer hier etwas in den Hintergrund geraten lassen, ist durch die jüngere Historie legitimiert, weder anders zu erwarten noch machbar. Das Hauptaugenmerk der Autoren ist Serbien gewidmet. Das Land hat nun einmal durch sein Hegemonialstreben Schuld auf sich geladen, und die lässt sich auch von den überzeugendsten Gegnern der Nato-Angriffe nicht wegretuschieren. Die Vertreibungen der bosnischen Muslime und die der Kosovo-Albaner mit den jeweils einhergehenden Greueltaten erinnerten, so die Autoren in leicht pathosgeladener Metaphorik, "erschreckend an die Methoden des Dritten Reiches."

Die Pauschalität solcher Urteile mindert ein wenig den Wert des Buches, auch da, wo die Autoren den Balkanbewohnern eine Tendenz zuschreiben, "nicht zuhören zu können" oder "Egozentriker" zu sein. Missverständlich ist auch die Deutung, der Kommunismus habe über Jahrzehnte hinweg die vorhandene Bürokratie "zerstört" und sie durch Funktionärsstrukturen ersetzt. Gerade diese Funktionsstrukturen kamen ja gar nicht ohne jene wasserköpfige Bürokratie aus, die eine der Ursachen für den Untergang des Kommunismus war.

Wenn wir uns bei den zurzeit wieder stattfindenden Massendemonstrationen gegen das Milosevic-Regime zunächst gefragt haben, warum es so vielen Menschen einfach nicht gelingen will, einen verhassten Despoten zu beseitigen, dann halten die Autoren eine mögliche Antwort bereit, die erst seit 48 Stunden widerlegt ist: Es sind einfach noch nicht genug Menschen, denn: "Die Menschen in Serbien sind vom täglichen Existenzkampf total erschöpft und in der Mehrzahl nur mehr auf das Überleben konzentriert. Sie haben keine politischen Energien mehr für Straßenkundgebungen."

Dass das Abkommen von Dayton, das der geplagten Region Frieden bringen sollte, eine Fülle von Mängeln enthielt, aus Unkenntnis oder schlichter Ignoranz, ist ein zentraler Kritikpunkt des Buches. So bleiben die Bosniaken (immerhin in ihrem nunmehr "eigenen" Land) weiterhin "Bürger zweiter Klasse". Auch nimmt das Abkommen nicht die geringste Kenntnis davon, dass es in der "breiten Bevölkerung" eine Bereitschaft gibt, "das Zusammenleben der Vergangenheit wieder aufzunehmen": Nicht aus Humanitätsduselei oder christlich-muslimischer Nächstenliebe, sondern "aus der klaren Erkenntnis der Realität, dass man wirtschaftlich aufeinander angewiesen ist."

Ein Grundphänomen aller balkanischen Problematik sehen die Autoren darin, dass "der Westen" eine andere politische Sprache spricht. "Nicht nur über "Menschenrechte" und "Demokratie" gebe es bisher kaum eine Verständigung, "sondern auch über das, was wir politische Kultur nennen." Was dringend benötigt wird, sind sozusagen politische Übersetzer, die den Diskurs von Ost und West fruchtbarer werden lassen.

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