Kultur : Ball nackter Körper

CHRISTOPH FUNKE

Roman Viktjuk, Moskau, gastiert mit "Die Zofen" von GenetVON CHRISTOPH FUNKESprache tritt zurück.Körper sind da, um Träume, Sehnsüchte sinnlich zu machen.Männer mit nackten Oberkörpern, die Gesichter sphinxhaft geschminkt, bauen eine Geschichte auf in stetiger Spannung, in der ständigen Anspannung aller Muskel: Roman Viktjuk zeigt mit seinen Schauspielern/Tänzern "Die Zofen" von Jean Genet. Auf der Bühne mit dem verschwenderischen, mal farbglühenden, mal stumpfen Jugendstilhintergrund und den drei riesigen ovalen Spiegeln finden emotionale Entladungen statt, werden Liebe und Haß bis in siedende Hitze getrieben.Die Inszenierung berücksichtigt den Wunsch Jean Genets, die Frauenrollen von Männern spielen zu lassen, und eröffnet damit eine weitere Ebene virtuoser Spiegelungen.Todessehnsucht offenbart sich in üppiger Schönheit, verbündet sich mit strahlend-schluchzenden Chansons, die dann wieder tänzerische Höchstleistungen herausfordern.Viktjuk setzt Steigerung auf Steigerung, kaum gönnt er den Spielern eine Pause.Bis zum Schluß, Genets Einakter ist längst "abgespielt", wenn alle vier Darsteller zum schier unendlichen Ballett-Wettbewerb antreten.Sie vertanzen Lieder, deren Melodien zu einem solch rücksichtslosen Fortissimo hochgejagt werden, daß man um den Kollaps der bös überanstrengten Tonanlage fürchten muß. Seltsames Theater.Großes Theater? Was Viktjuks Truppe an Körperbeherrschung zu bieten hat, ist einzigartig.Die Schauspieler sind Tänzer, die Tänzer sind Schauspieler - die Grenze zwischen den unterschiedlichen darstellerischen Ausdrucksformen scheint es nie gegeben zu haben.Nicht nur die kraftvoll gewölbten Oberkörper, auch die Hände und Finger tragen die ständige emotionale Überspannung.Leise und genau deuten die Akteure das Geschehen um die Dienstmädchen und ihre Herrin, von dem Genets Einakter erzählt.Allerdings treibt Viktjuk seine Truppe allzuoft in unerträgliche Überhitzung.Und das hochgepuschte Ballett-Finale hat mit Genet nichts mehr zu tun. Berliner Haus der Russischen Kultur und Wissenschaften, Friedrichstraße 176-179, heute, 22.März, 18 Uhr.

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