Kultur : Ballade vom Alien

Jimi Hendrix war der „erste Weltmusiker“ – glaubt Jazzgitarrist Nguyên Lê und setzt ihm jetzt sein Denkmal

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Sie haben sich Zeit gelassen , Herr Lê .

Womit, bitte?

Sie gelten als glühender HendrixVerehrer und spielen auch ein wenig wie er. Aber seine Songs haben Sie noch nie aufgenommen.

Das stimmt. Ich habe Hendrix erst ganz spät entdeckt, und auch dann bedurfte es eines äußeren Anlasses, damit ich mir seine Musik vornahm. 1983 sollte ich bei einem Festival in Frankreich mit Jazzmusikern seine Musik spielen. Hendrix und ich, diese Beziehung war keineswegs intuitiv.

Aber als Junge haben Sie doch bestimmt seine Platten gehört und Luftgitarre gespielt.

Damals hat mich eher Deep Purple mitgerissen. Hendrix musste ich mir richtig aneignen. Wobei er mich schnell fasziniert hat.

Haben Sie seine Soli auswendig gelernt?

Das auch, aber nicht vorwiegend. Natürlich bewundere ich Hendrix als Gitarristen, aber noch mehr interessiert mich, was man mit seiner Musik anstellen kann. Deshalb habe ich mich auf seine Kompositionen und die Texte konzentriert. Bei Hendrix höre ich dieses totale Aufgehen in der Musik. Das ist etwas, das ich auch erreichen möchte. Musikmachen muss etwas Körperliches sein, es muss etwas von einem Trancezustand haben. Ich glaube, deshalb hat man mich auchvorher schon als Hendrix’schen Gitarristen wahrgenommen.

Musikalische Ekstase ist ja nur eine Seite des Hendrix-Phänomens. Genauso wichtig dürfte er als Hippie-Ikone sein.

Also, ich stehe ja zur Hippie-Kultur, habe sie immer toll gefunden. Was Hendrix angeht: Seine Texte handeln ja meist davon, dass er sich wie ein Außerirdischer fühlt.

…wie in „Third Stone From the Sun“, einem Song, den Sie jetzt aufgenommen haben.

Ja, ein gutes Beispiel. Ich wurde selbst sehr stark von Science Fiction beeinflusst.

Die Vorliebe für Aliens hatte Hendrix mit vielen schwarzen Musikern seiner Zeit gemeinsam, etwa mit Sun Ra oder George Clinton. Meistens verkörperten die Außerirdischen eine Vision von Befreiung.

Das mag sein, aber Befreiung kann ich bei ihm nicht entdecken, beklagte er in seinen Texten doch vor allem seine Einsamkeit und die Unfähigkeit zu kommunizieren. Es gibt eine Stelle in „1983“, da wird er im Radio als „Jimi Hendrix vom Planeten Mars“ interviewt und sein einziges Statement lautet: „Ich habe Ihnen nichts zu sagen.“

Jimi Hendrix stand musikalisch für die Verbindung aus Blues und Rock ‘n’ Roll. Heute spielen Sie seine Musik als Verbindung aus Weltmusik, Jazz und Fusion. Ist das eine logische Entwicklung?

In einem bin ich mir sicher: Wenn Jimi noch am Leben wäre, würde er mit Welt-Musikern arbeiten.

Ihre Heimatstadt Paris dürfte mit New York als Zentrum für afrikanische Einflüsse gleichgezogen haben. Haben Sie Hendrix nach Paris verpflanzt?

Da ist schon was dran. Ich will aber auch zeigen, wie Amerika Kulturen jenseits der westlichen Hemisphäre beeinflusst hat. Ich stelle mir immer den afrikanischen Farmer vor, der in seinem Dorf Hendrix hört. Oder den Vietnamesen. Beide träumen von den USA, wenn sie diese Musik hören. Und ich wünsche mir, dass all diese Leute aus dem, was sie bei Jimi gehört haben, ihre eigene Musik entwickeln. Deswegen habe ich mir für „Voodoo Chile“ eine afrikanische Interpretation überlegt. Das ist meine Version einer Wiederaneignung der amerikanischen Musik durch jene Kulturen, aus denen Amerika schöpft.

Das klingt, als glaubten Sie daran, die Menschen doch noch zusammen zu bringen. Wirklich, Sie sind der letzte Hippie.

Naja, in der Weltmusik existieren zwei Bewegungen. Die eine richtet sich nach außen mit dem Ziel, die eigene Kultur und Erfahrung mit dem Rest der Welt zu teilen. Die andere richtet sich nach innen, ihr geht es um Identität. Denn der Afrikaner am Radiogerät will ja – oder zumindest will ich, dass er das will – seine individuelle Kultur bewahren, allerdings immer als eine Verbindung aus dem, was er von seinen Eltern mitbekommt und dem, was er von den Medien übernimmt.

Also besteht keine Gefahr für die kulturelle Vielfalt, wenn die ganze Welt Hendrix hört?

Nein. Es ist idiotisch zu fordern, man solle diese neue Art des Kolonialismus stoppen. Wenn der afrikanische Farmer Jimi Hendrix liebt, dann ist das auch für ihn eine Bereicherung. Er sollte nur nicht seine eigenen Wurzeln vergessen.

Aber könnten authentische Kulturen unter dem Einfluss westlicher Popmusik nicht zu einem unspezifischen, kommerziellen Brei verkommen?

Es ist nicht meine Aufgabe, authentische Musik zu machen oder für deren Erhalt zu sorgen. Übrigens stelle ich fest, dass die jungen Vietnamesen, die sich hier in Westeuropa meine vietnamesischen Projekte anhören, sehr stolz darauf sind, dass wir ihre Tradition dem Westen nahebringen. Dass deren Wahrhaftigkeit dabei verloren geht, ist sogar ein Vorteil. Würde man die vietnamesischen Jugendlichen mit dem Original konfrontieren, wären sie bloß abgeschreckt.

Warum fehlt eine vietnamesische Version eines Hendrix-Stücks? Wäre das nicht interessant gewesen?

Das hätte nicht funktioniert. Hendrix’ Musik verfolgt afrikanische Traditionslinien. Die lassen sich mit fast allem in Verbindung setzen, nur mit Ostasien nicht.

Das Gespräch führte Johannes Völz .

„Purple– Celebrating Jimi Hendrix“ (Act).

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