Kultur : Ballade vom Emigranten

Alfred Kerr, neu entdeckt: ein anrührendes Prosafragment des legendären Kritikers erzählt aus seiner Londoner Zeit

Peter Laudenbach

Clemens Teck, einem Romantiker in unromantischer Zeit, wird das Exil im ärmlichen Londoner Hotel allmählich lang. „Ich sah staunend in jenes Getriebe, worin sich ein mir halb unbekannter Mensch befand, der meinen Namen trug. Meist war ich wohlauf ... doch immer etwas verwundert.“ Teck, einem Dichter, der nicht mehr schreiben kann, kommt die Welt abhanden. Die Nachbarn im Hotel werden ihm zu „Meerschweinchen“, am liebsten möchte er sie in Novellenfiguren verzaubern. Allein, sie bleiben banal, reizlos, öde. Und die Novelle bleibt ungeschrieben.

Am Ende macht Clemens Teck eine erstaunliche Bekanntschaft. Auf den Stufen des British Museum trifft er Alfred Kerr, einst der berühmteste und exzentrischste Theaterkritiker der Weimarer Republik und nun, wie Teck, ein verarmter Emigrant in London. Es ist eine gespenstische Begegnung, was vor allem daran liegt, dass Clemens Teck in Wirklichkeit eine literarische Erfindung Alfred Kerrs ist: Eine fiktive Person begegnet ihrem Autor. Und der behält, anders als seine Figur, die Nerven: „Mit dem Megaphon die furchtbare Zeit anraunzen, während man auf Friedensmittel sinnt. Nicht in den Wahn flüchten! Nicht freiwillig zugrunde gehn.“ So spricht Kerr.

Und weil man ahnt, dass Clemens Teck eher ein Wiedergänger ist, eher ein nervöses Alter Ego als nur eine Erfindung Kerrs, sind die Selbstermunterungen in diesen trotzigen Parolen nicht zu überhören. In ihnen schwingt die Angst mit, dem Autor könnte es ergehen wie seiner Figur. Denn Teck gibt verzweifelt auf, angesichts der Gräuel in Nazideutschland: „Ich war wahnsinnig. Es war das Edlere, wahnsinnig zu sein.“ Kerr spricht hier deutlich von eigenen Gefährdungen. Der in den Weimarer Jahren so beschwingt pointensichere Feuilletonist schreibt sich mit Teck seine Panik von der Seele.

Dass wir die Bekanntschaft Tecks machen dürfen, verdankt sich Günther Rühle, dem Herausgeber der gesammelten Werke von Alfred Kerr. Die Existenz des Textes ist schon länger bekannt: Bereits 1961 erschien in dem von Friedrich Luft herausgegebenen KerrBand „Die Welt im Licht“ ein kurzer Auszug. Rühle hat das Fragment aus dem Textkonvolut, an dem der große Theaterkritiker im 40-jährigen Londoner Exil arbeitete und das sich im Kerr-Nachlass der Berliner Akademie befindet, erstmals dem Leser zugänglich gemacht. Der Klappentext nennt es eine „Erzählung“: eine leichte Übertreibung. Die Skizze von Clemens Teck, der eine Novelle schreiben will und sich aus seiner Londoner Gegenwart herausträumt, ist nicht mehr als ein Rahmen. Er erlaubt es Kerr, in Erinnerungen an glücklichere Tage zu schwelgen, frühe Verliebtheiten und eine Reise in die Provence noch einmal auszukosten, sich in der Liebe zu seiner Familie geborgen zu fühlen – und die eigene Ratlosigkeit und Not in die Seele des armen Tecks zu verlagern.

Es ist der private Charakter der Aufzeichnungen, der die literarische Fiktion immer wieder durchbricht und das Fragment zu einem anrührenden Dokument macht. Wir haben es mit Kerrs persönlichstem, ungeschütztesten und gegen Ende zunehmend düsteren Text zu tun. Der Leser darf einem älteren Herren von gut 70 Jahren begegnen, der auch in gänzlich unziviler Zeit Zivilist und empfindlicher Genussmensch bleibt. Pathos ist seinem Naturell gänzlich fremd. Der einst innig bewunderte Gerhart Hauptmann, der in Nazideutschland blieb, wird mit einer kurzen Sottise als der „vor seinem Tod verstorbene Schriftsteller“ abgefertigt. Der Faschismus löst Ekel aus, verzweifelte Klagen, aber am liebsten möchte Kerr von schöneren Dingen sprechen. Oder er möchte sich, wie in seinen brillanten und genial verspielten Theaterkritiken, in den Witz retten, und sei es ein noch so schlechter Kalauer: „Es lebt im schlimmsten Schlachtenbumms/das Recht des Individuums!“

Wenn der Kalauer nicht mehr hilft, hilft die Liebe. Also muss der traurige Teck versuchen, sich zu verlieben, und sei es nur, um die Novellenproduktion wieder in Schwung zu bringen. Auch das ist am Ende – ein Witz: „Ich klopfte ganz allgemein bei ihr auf den Busch. (Wo hatte sie ihren Busch?)“ Hinter dem Spiel liegt, man ahnt es spätestens bei der Begegnung Tecks mit seinem Autor Kerr, der hilflose Schrecken des Emigranten.

Alfred Kerr: Der Dichter und die Meerschweinchen. Hg. und mit einem Nachwort von Günther Rühle. S.Fischer, 286 S., 19,90 €

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