Kultur : Ballade vom großen B.

Bildnis eines alten jungen Dichters: Wolf Biermann und sein neuer Gedichtband „Heimat“

Gregor Dotzauer

Und nun, frei nach Klopstock und nach Hölderlin, zu den Wetteraussichten im Alter von siebzig Jahren. „Grauräudige Wolken schlingen das schwindende Licht / Im Westen verbeißt sich die Meute in Lappen aus Blau / (…) / Ja, aus und vorbei ist der Sommer. Am Steilufer wehrt sich / Und hart an der Kante vorm Erdrutsch der grindige Baum / (…) / Kalt. Kalt ist die Welt mir. Der Winter steht vor der Küste“. Mehr Seelenlandschaft und Odenton war nie bei Wolf Biermann als in dieser Ballade aus seinem jüngsten Gedichtband „Heimat“ (Hoffmann & Campe, Hamburg 2006, 175 S., 18 €).

Die „heiße Lebenssuppe“, die er noch in seinen Düsseldorfer Poetikvorlesungen „Wie man Verse macht und Lieder“ (Kiepenheuer & Witsch 1997) als Grundlage seiner Dichtkunst ansah, scheint abgekühlt zu sein, und die Empfehlung, der Lyriker müsse so leben, dass er „das lyrische Fundamentalwörtchen ,Ich‘ rücksichtslos in Gebrauch nehmen kann“, wirkt umso fragwürdiger, je mehr dieses Ich in sich versinkt. Doch die „Volte“ folgt sogleich: „Das ist die Falle: Der metaphysische Ton / Er foppt mein Gemüt – als ob ich’s nicht besser wüsste“. Und auf einmal ist der alte Ton wieder da, den er schon auf der „Drahtharfe“ anschlug, die vor 41 Jahren seinem Debüt im Berliner Wagenbach Verlag den Titel gab: der Ton eines empfindsamen Rabauken, der die Register zwischen Minne-, Mein-Gott- und Meine-Fresse-Gesang mühelos wechselt. Er lebt von der Illusion, dass sich alles in allen lyrischen Sprachen sagen lässt und auch der hehrste Gedanke noch für eine deftige Bemerkung taugt.

Auch die Gedichte von „Heimat“ umarmen einen wieder mit polternder Zärtlichkeit. Sie knuffen einem in die Rippen, kumpelhaft, begütigend und ermutigend, und manchmal raunzt es aus ihnen auch ganz schön. Was nicht zuletzt daran liegt, dass man sie eigentlich gar nicht lesen kann, ohne Biermanns Stimme mit zu hören – wie sich auch der Abstand zwischen der sich seit Jahrzehnten als Biermann („Mensch, Biermann!“) apostrophierenden Kunstfigur, die sich durch seine Gedichte zieht, und dem wirklichen Biermann, der heute in Hamburg-Altona seinen 70. Geburtstag feiert, zusehends zu verringern scheint.

Das lyrische Ich schwindet, und ein gänzlich unlyrisches „Hallo, hier bin ich“ schwillt an zwischen Herz, Hirn und Hose, wo bei Biermann offenbar noch mächtig was los ist. „Wenn meinem Salamander wieder / Der abgebissne Schwanz nachwächst“, kennt er kein Halten mehr: Das „Tier in meiner Hose“ ist los und lässt ihn in die Saiten greifen, denn „Fraun sind Gitarrn“.

Es sind dies Altersgedichte eines Mannes, der das Altern nicht lernen will: kraftmeiernd peinlich, wo er keine Distanz zu der Rolle einnimmt, die er spielt, aber gelegentlich auch hinreißend, wenn sie etwas von der Demut in sich tragen, die etwa das „Bildnis eines alten Dichters“ prägt: „An deiner Seite zur Seit, Allerliebste, leis / Sollst du mich, wenn ich schnarche, drehn / Nervt dich mein saurer Altmännerschweiß / Schenk mir die Lüge: Du riechst so schön // (...) Doch wenn mein Lied dein Herze nicht mehr bricht / Lach mich kalt an. Und verlasse mich.“

Das ist der Ton, der einem „preußischen Ikarus“ ansteht, der sich als kleiner Bruder von François Villon betrachtet und John Donne und Walther von der Vogelweide verehrt – alles Dichter, die das zweifelhafte Privileg vereint, nur unwesentlich über das fünfzigste Lebensjahr hinausgekommen zu sein. Zwischen Freund Heine und Freund Hein macht Biermann da nur handwerklich immer eine gute Figur. Wie frei und bewusst er, von Natur aus ein mehr oder weniger fröhlicher Jambiker, mit metrischen Formen umgeht, und wie gewagt er manchmal mit Satzresten um die Versecke biegt, um sich am Enjambement noch einen eleganten Reim abzusägen, das macht in seinem Variantenreichtum viel von Biermanns Klasse aus.

Die Schauplätze der Gedichte wechseln zwischen Norddeutschland, Südfrankreich, wo er sich in Banyuls sur mer ein Häuschen gegönnt hat, und Israel – Orte, die in der Summe tatsächlich etwas von der vielgestaltigen „Heimat“ ergeben, die Biermann für sich beansprucht. Ihr wesentlicher Stoff aber, egal, ob sie wie in Frankreich eher zum Idyll neigen oder wie in Israel eher zum politischen Leitartikel, besteht zu fünfzig Prozent aus Vanitas und zu fünfzig Prozent aus trotz alledem. Biermanns entscheidender Antrieb ist ein Paradoxon, wie ihn das Titelgedicht exemplarisch formuliert: „Ich suche Ruhe und finde Streit / Wie süchtig nach lebendig Leben / Zu kurz ist meine lange Zeit / Will alles haben, alles geben / Weil ich ein Freundefresser bin / hab ich nach Heimat Hunger – immer! / Das ist der Tod, da will ich hin / Ankommen aber nie und nimmer“.

Es findet sich innerhalb dieser Grundkonstellation manch leichthändig gebrochenes Pathos, aber auch eine Neigung zu gottabstinenter Erbauungslyrik. Biermann pflegt einen stachligen Pietismus, der sich, durch die Altersperspektive befördert, nicht besonders von einer irdisch gewordenen Pfadfinder-Theologie unterscheidet. Das beste Beispiel ist das letzte Gedicht des Bandes: eine Allegorie des Dichters als sturmzerzauste Pinie namens Pin Parasol auf dem Hausberg vor Banyuls sur mer: „Das seh ich gern und denke / Der Stamm – o.k.! – gebeugt, jedoch gebrochen? nein! / Mensch sonnenklar, was mir am Parasol gefällt: / So bin ich! Und will lieber sagen: will so sein.“

So unverzichtbar das Ich hier ist, so störend kommt es Biermann in anderen Gedichten in die Quere. „Església Catedral Basilica de Santa Maria“ versucht die Erhabenheitsgefühle, ja die religiöse Versuchung eines Atheisten beim Besuch der Kathedrale im katalanischen Girona zu evozieren – eine spannende Angelegenheit, die aber mit einem rein persönlichen Bekenntnis endet: „Mir fehlt die Kraft zum Schwachsein, kann mich so nicht unterwerfen“. So einfach kann man es sich machen. Oder „Altes Europa“, ein Gedicht, in dem Biermann Walter Benjamins letzten Weg über die Pyrenäen nachgeht, bevor er die Frage „Was fasziniert, was rührt uns alle so an diesem Denker / Sein Blick durch Flaschenbodenbrillengläser?“ mit der Antwort quittiert: „Ach was! Es ist mein Selbstmitleid. Das rührt mich ja so tief“. Wen außer ihm soll das interessieren?

Benjamin ist nur einer von den großen B-Männern, mit denen sich Biermann neben Brecht und Benn ausführlich abgibt. Nebenbei redet er Louis Aragon ins kommunistische Gewissen und wandelt Arthur Rimbauds berühmtes „Je est un autre“ ab. Die Liga, in der Biermann mitspielen will, ist also klar. Nur gedanklich hält er nicht immer Schritt. Zu hoffen, dass es zur Befriedung der Weltlage schon genügt, das Herz am linken oder rechten Fleck zu haben und ansonsten für seine Sache einzustehen, ist für einen politisch bewussten, mit Marx- und Engelszungen sprechenden Dichter ein bisschen wenig. „Ja, glauben! / Glauben muss der Mensch / Ganz gleich an Gott, an Götter / Woran? - egal! / An welchen Scheibenkleister / Nur wie wir glauben, dieses Wie / Scheidet die Geister“. Argloser als mit Biermanns Empfehlung kann man dieses Zerrbild eines Gutmenschentums nicht betrachten: „Egal! nur glaube ohne Krampf / Und giftdurchtränkten Eifer / Hauptsache nur: der Glaube. Glaub / Gelassen, ohne Geifer“. Sein Wort in Gottes Ohr.

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