Kultur : Ballade vom politischen Vaterland Das Deutsche Historische Museum feiert 20 Jahre

Michael Zajonz

Vollsperrung Unter den Linden, zwischen Friedrichstraße und Schlossbrücke. Nicht etwa, weil das Deutsche Historische Museum (DHM) im Zeughaus sein 20-jähriges Bestehen mit einem Fest für die Besucher und einer Festveranstaltung für geladene Gäste feiert, zu der sich Altbundeskanzler Helmut Kohl angesagt hat. Die Mitte der Mitte wird lahmgelegt, weil vorm Hauptgebäude der Humboldt-Universität irgendwelche Dreharbeiten stattfinden. So ist Berlin.

Kohl. Ohne ihn gäbe es das DHM nicht. Das zur 750-Jahrfeier Berlins als Geschenk der Bundesregierung gegründete Geschichtsmuseum mit nationalem Anspruch war ein Lieblingskind des promovierten Historikers. Kritiker befürchteten damals eine nationale Wende der Geschichtspolitik. Nach der tatsächlichen, der politischen und gesamtdeutschen Wende hat das DHM schnell seine Rolle gefunden. Es ist, ganz im Sinne Kohls, eine europäische geworden.

DHM-Generaldirektor Hans Ottomeyer kann nun zur Feierstunde neben Bundestagsabgeordneten und dem ehemaligen Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (die aktive Berliner Politikprominenz glänzt durch Abwesenheit) auch die Vertreter von 12 verschiedenen Botschaften begrüßen. Vor diesem Museum muss niemand Angst haben.

Nach den Grußworten und vor dem eigentlichen Festvortrag von Klaus Albrecht Schröder, dem Direktor der Wiener Albertina, darf der Zeit-Chefredakteur und Tagesspiegel-Herausgeber Giovanni di Lorenzo mit Kohl eine dreiviertel Stunde lang über „Die Nation im 21. Jahrhundert“ plaudern. Es wird ein überraschend persönlicher Rückblick, bewegend und dennoch hochpolitisch. Typisch Kohl: Ein Rückblik nach vorn.

Die Geschichte – c’est moi, so ließe sich das erste Drittel des Gesprächs aus der Perspektive des Altkanzlers zusammenfassen. Kohl zitiert Adenauer, Heinemann (nicht sehr freundlich) und Heuss, erzählt von den 2+4-Verhandlungen und von Begegnungen mit Francois Mitterand und Margaret Thatcher. Man kennt das. Und dann kommen Sätze wie diese: „Die moralische Katastrophe von 1945 hat unsere Exisenz mehr ausgehöhlt als die unserer Nachbarn. Wir sind nicht schlechter als sie, nur tiefer ausgebrannt.“ Da erzählt ein altersmilde gewordener Staatsmann, der für sich einmal die Gnade der späten Geburt in Anspruch genommen hat und dafür gründlich missverstanden wurde, wie seine Mutter während der Nazizeit Zivilcourage bewies. Und wie sich ein Gesprächspartner in Israel Jahrzehnte später daran erinnert hat.

Den Blick auf Nationales mag sich Kohl nicht ohne Emotionen vorstellen: „Den Wert des Vaterlandes muss ich nicht hochhalten, er ist da. Ich bin nicht geneigt, mich aufs Sofa zu setzen und ihn tiefenpsychologisch auseinander zu nehmen. Ich möchte es eher genießen.“ Darin wird er sich mit Wolf Biermann einig wissen. Der sang am Ende des Abends, Kohl war gegangen, im Zeughaus: natürlich vom Vaterland. Michael Zajonz

0 Kommentare

Neuester Kommentar