Kultur : Ballade vom Regenbogen

Er galt als Genie, dann fiel er in Ungnade. Jetzt kehrt Prince auf einer Blitz-Tournee auch nach Berlin zurück

Kai Müller

Er habe Prince nie diese eine Szene in dem Film „Purple Rain“ verziehen, schreibt Giles Smith in seinem Roman „Lost in Music“, in der er zu spät zur Probe seiner Band komme. „Er saust auf die Bühne, entschuldigt sich kurz, hängt seine Gitarre um, und ab geht’s - in den perfekt abgemischten und mühelos gespielten Pop-Himmel. Und das bei Prince, der fast sein ganzes Leben in Probenräumen verbracht hat und besser als jeder andere die ohrenzerfetzende Langatmigkeit einer Band im Aufbau kennt“, klagt Smith.

Der britische Autor wollte einmal ein zweiter Sting werden. Aber er musste irgendwann einsehen, dass er dafür nicht vorgesehen war: „In Wahrheit sind die meisten Bandproben so schmerzhaft, dass es ein Wunder ist, überhaupt Bands zu finden, die es über dieses Stadium hinaus schaffen.“

Wie viele von denen, die zum Auftaktkonzert der Prince-Tour in die Frankfurter Festhalle gekommen sind, erinnern sich noch an diese Filmszene? Eine ganze Reihe von ihnen wäre alt genug. Und ihre mit Prince-Symbolen bestickten Seidenblusen, ihre im Stil ihres Idols geschnittenen Samtkleider und Hüte, an denen Vogelfedern stecken, verraten, dass sie den mühelosen Pop-Himmel nicht aufgegeben haben. Als sich dann der Bühnenhimmel rot färbt, schwant es ihnen vermutlich schon. „Seid ihr hier, um ,Purple Rain‘ zu hören?“, fragt Prince. Wwoaaahhh, lautet die Antwort der Menge. Aber, gibt der kleine, quirlige Super-Star, der wie ein beleuchteter Floh über die Bühne hüpft, zu bedenken, „es ist nicht mehr 1984. Wir leben im Jahr 2002“. Wwoaaahhh. Und schon ertönt die unverkennbare Gitarren-Kadenz, perlt das Akkordmuster aus den hart angeschlagenen Stahlsaiten, schraubt sich auch Prince’ Begleitband mit derselben Perfektion wie einst in die sublimen Schmalzschichten dieser Ballade.

Aber 1984 ist eine halbe Ewigkeit her: Nur oberflächlich gleicht der Song noch seinem Original. In atemlosen Wortkonvulsionen breitet der auch schon 44-Jährige sein Bedauern darüber aus, dass Liebe bloß ein Missverständnis ist und die Zeit kommen wird, um „etwas Neues anzufangen“. Die metallische Kälte der einstigen Pop-Travestie ist einer pulsierenden Dynamik gewichen. Prince treibt den Song voran. Mit seiner futuristischen E-Gitarre, die wie unter Schmerzen aufheult, peitscht er ihn auf und verwandelt die Schmonzette in eine Jimi-Hendrix-Hommage. Bis am Ende das Publikum am Zug ist und als gewaltiger Chor in die schmachtende Tonfolge des Schlussteils einstimmt.

Überhaupt offenbart der Abend schnell, warum Prince ziemlich überraschend für eine Reihe von Blitz-Konzerten nach Deutschland gekommen ist. Es heißt, dass er die Auftritte – morgen im Berliner ICC – für eine Live-CD mitschneidet, eine Praxis der Zweitverwertung, die er bislang immer vermieden hatte. Doch das ist nicht der eigentliche Grund: Prince meldet sich als real musician zurück. Die ausladenden Freitreppen, Background-Chöre, Motorräder und Go-Go- Girls früherer Jahre, als er ohne Anstrengung ganze Stadien füllte, hat er nicht wieder mitgebracht.

Stattdessen präsentiert er seine neu formierte New Power Generation, die das schier unerschöpfliche Material seines komplexen Repertoires zur Basis funkiger Jam-Sessions macht. Der Sound und die pumpende Energie eines James Brown sind allgegenwärtig. Die Band, zu der als special guests der legendäre JB-Saxophonist Maceo Parker sowie Greg Boyer an der Posaune und die niederländische Jazzmusikerin Candy Dulfer zählen, entfaltet einen rasenden, hypnotischen Sog. Nicht nur wechseln sie souverän zwischen den Genres hin und her, die das Oeuvre des Meisters ihnen vorgibt, sie wirbeln auch Versatzstücke einzelner Songs durcheinander: „Sign O’ The Times“, „Pop Life“, „Starfish And Coffee“, „The Work“, „Rasperry Beret“, „1+1+1=3“. Selten scheinen sie einem in monatelangen Proben anerzogenen Bauplan zu folgen. Aber wir wissen ja, dass Prince solche Proben nie nötig hatte.

In der Popkultur ist es üblich, für eine Rückkehr zu halten, was schlicht ein Wiedersehen ist, weil sich ein Musiker länger nicht blicken ließ. Dabei gibt es für Leute mit eher ausschweifendem Lebensstil tausend Gründe, in der Versenkung zu verschwinden. Schließlich ernten sie ja später doch allgemeines Kopfnicken, wenn sie bekunden, sie seien eigentlich nie „weg“ gewesen.

Prince war weg. So weg wie man nur sein kann, wenn selbst der eigene Name plötzlich keine Gültigkeit mehr hat. Es schien, als habe die Erfolgsspirale den Goldjungen plötzlich in ein anderes Universum katapultiert. Dabei hatte Warner seinen Star eben noch mit einem 100-Millionen-Dollar-Vertrag geködert und den für seine ruinösen Geschäftspraktiken berüchtigten Maniac sogar zum Vice-President ernannt. Als der seinen Marktwert mit immer schneller auf den Markt geworfenen Produkten seines Paisley Park-Labels hintertrieb, forderte er den Rausschmiss geradezu heraus. In Ungnade gefallen kritzelte sich Prince das Wort „Slave“ auf die Wange und nannte sich fortan The Artist (Formerly Known As Prince) oder The Symbol oder verzichtete ganz darauf, einen Namen zu tragen. Bei Konzerten brach er Stücke immer wieder mit dem Hinweis ab, dass Sklavenverträge ihn binden würden. In der Öffentlichkeit wurde sein Kampf um künstlerische Autonomie indessen als Extravaganz eines vom Luxus verwöhnten Gernegroß verspottet, dem zum ersten Mal Grenzen aufgezeigt wurden.

Nach dem Sturz geriet Prince Rogers Nelson unter den Einfluss des Laienpredigers und ehemaligen Bassisten von Sly And The Family Stone, Larry Graham, und suchte sein Heil zunehmend in spiritistischer Erweckungslyrik. Mit seinem jüngsten Opus „The Rainbow Children“, das er ausschließlich über sein Internet-Label NPG vertreibt (www. npgmusicclub.com), hat er seine Erfahrungen in einer ebenso grotesken wie hybriden Leidens- und Auferstehungsgeschichte zu verarbeiten gesucht – Verklärung pur.

Auch das Live-Programm folgt dem Leitfaden seiner „Rainbow Children“- Saga, ohne Kracher wie „Lovesexy“ oder „Kiss“ vermissen zu lassen. Videoprojektionen tauchen die achtköpfige Band in psychedelische Farbspiele. Zu „Sometimes It Snows in April“ rieselt es Lichtpunkte. Prince ist brillant, wenn er sich als Musiker austobt. Als Prediger ist er es nicht. So verhallt seine Aufforderung, Gottes Werk zu preisen und mit ihm, Prince, gemeinsam die Welt zu verbessern, weitgehend folgenlos. Mag sein, dass seine Privatmythologie der einzige Ausweg für ihn ist, der so viel wollte und gescheitert ist.

Nach neunzig Minuten ist der Spuk vorbei. Mit einem linkischen Gruß stolziert er kommentarlos davon. Das soll’s gewesen sein? Doch dann kommt er nach einer Ewigkeit noch einmal auf die Bühne und setzt sich an sein Plexiglas-Klavier. Da fängt der Abend erst richtig an.

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