Kultur : Ballade vom Schwellkörper

Wettbewerb (1): „Kinsey“ oder die Sturheit des Sexual-Aufklärers

Bodo Mrozek

Alfred Kinsey (Liam Neeson) ist ein Mann der Überraschungen. In der Universität hat es sich herumgesprochen, und nun sind alle gekommen, es selbst zu hören: Hier will einer über das menschlichste aller Bedürfnisse sprechen. Anders als in den bis dato üblichen Eheseminaren, will er die Dinge benennen. Hunderte Augen sind auf ihn gerichtet. Als Kinsey in die tuschelnde und kichernde Runde fragt, halten alle den Atem an: „Welches menschliche Organ kann innerhalb von Sekunden zu hundertfacher Größe anschwellen?“

Schweigen. Wir befinden uns im Jahr 1930, mitten im amerikanischen Westen. Kinsey fixiert eine Studentin: „Was glauben Sie?“ Die junge Frau errötet über ihrem weiß gestärkten Kostümkragen. „Herr Professor, ich bin gerade erst verlobt.“ Darauf der Professor: „Ich spreche von der menschlichen Iris. Sie werden einmal sehr enttäuscht sein.“ Befreites Gelächter im Hörsaal. Eine Sekunde später wirft Kinsey die Nahaufnahme einer menschlichen Kopulation auf die Leinwand.

Die Methoden des Alfred Charles Kinsey waren spektakulär. Bis heute wird der Sexualwissenschaftler für seine Arbeit bewundert und gehasst. So ist es auch kein Wunder, dass der Film „Kinsey“ in den USA auf heftigen Widerstand bei Konservativen und fanatischen Bibeljüngern stößt. Dabei stellt uns Bill Condons Biopic seinen Protagonisten zunächst als schüchternen jungen Mann vor. Der Vater, ein Prediger, zieht mit flammenden Worten gegen Reißverschlüsse und andere sündhafte Erfindungen der Moderne zu Felde, Kinsey-Junior flüchtet in die Natur. Seiner Verlobten Clara schenkt er Wanderstiefel und Kompass.

Für seine Arbeit über Gallwespen sammelt er 35000 Exemplare. „Und doch ist jede Wespe einzigartig!“, ruft er. Weil man Menschen aber schlecht in Glaskästchen stecken kann, ersinnt er für seine Sexualforschung neue Methoden: In Interviews erfragt er so ziemlich alle Einzelheiten über das, was unter Amerikas Bettdecken so vor sich geht. Die Antworten hätten viele auch lieber unter der Decke gehalten. Seine Bücher „Das sexuelle Verhalten“ von Mann (1948) und Frau (1953) enthüllen, dass die statistische Normalität sich mit der moralischen Norm nur selten deckt: Ehebrüche, Homosexualität und Onanie bis hin zum Sex mit Tieren sind im Amerika der Vierzigerjahre massenhaft verbreitet.

Großartig besetzt, nimmt der Film vor allem aufgrund seiner vielschichtigen Charakterporträts für sich ein: Da ist die hausbackene Ehefrau (Laura Linney), die gleichmütig Presserummel, Nachstellungen und auch die sexuellen Selbstexperimente ihres Ehemannes trägt und es sogar erträgt, dass er seine wissenschaftlichen Mitarbeiter zum Partnertausch anhält. Oder der Assistent Clyde Martin (Peter Sarsgaard), der Kinsey bei einer Exkursion in Chicagos Schwulenszene zur Männerliebe verführt. Und Liam Neeson spielt den faustischen Charakter mal linkisch, mal herrisch, schüchtern und selbstherrlich, vor allem aber von einem gnadenlosen Forscherdrang getrieben. Einmal interviewt er einen Perversen. Der Mann hatte Sex mit achtzehn Familienmitgliedern, zwanzig Tierarten und einem Dutzenden vorpubertären Jungen. Kinsey zückt begeistert den Bleistift.

Heute, 19 Uhr sowie morgen, 9 Uhr 30 (Berlinale-Palast), morgen 22 Uhr 30 (International)

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