Kultur : Ballade vom Streik

Kai Müller über die Sturheit des Lokführers

Sie kennen bestimmt die berühmte Fotografie jener Dampflokomotive, die im Gare Montparnasse nicht mehr rechtzeitig zum Stehen kam, die Hauswand durchbohrte und wie ein abgeschlagener Arm aus der Fassade des Pariser Bahnhofs heraushing. Man könnte es also besser wissen: Lokführer sind für ihre Sturheit bekannt. Immer mit dem Kopf durch die Wand. Das musste auch König Alfons der Viertelvorzwölfte erfahren. Als er in einem Akt herrschaftlicher Fortschrittswillkür die einzige lummerländische Lokomotive der Insel verwies (angeblich sei nicht mehr genug Platz vorhanden), ging Lukas, der Lokomotivführer, gleich mit. Trotz ist ein nicht zu unterschätzender Lebensgeist.

Davon künden neben Michael Endes „Lukas, der Lokomotivführer“ zahllose Erzählungen und „Train-Songs“, in denen der Schienenkapitän als Held des Durchhaltens besungen wird. So in Country-Balladen wie Cisco Houstons „Brave Engineer“. Weder Sturm noch die Schwärze der Nacht oder gar die Sehnsucht nach seiner Liebsten, die zu Hause auf seine Heimkehr wartet, können den Vorwärtsdrang des Maschinisten bremsen. Seine Einsamkeit an der Spitze des Zuges adelt ihn, lässt ihn das Kreuz durchdrücken. Ist er doch der Einzige, der weiß, was die Zukunft bringt. Oh, wir ahnungslosen Seitenfenstergucker! Aber Cisco Houston weiß auch um das trügerische Los, der Erste zu sein:„As he rounded the hill / His brave heart stood still/ For a headlight was shining in his face.“ Das Rücklicht eines anderen Zuges, das den braven Heizer aus seinen Träumen reißt, bedeutet sein Ende. Zwar wird er lebend aus den Trümmern seines Dampfrosses gezogen, aber nur für einen Seufzer reicht der Atem. Die Liebste soll erfahren: „There’s a little white home / I have bought for our own.“ Von jeher sind die Wohlstandsgelüste der Lokführerzunft eher bescheiden gewesen. Soll man sie ihnen nicht gönnen?

Aber es ist auch wahr, was ein alter amerikanischer Folksong bemerkte: „Engineers don’t wave from the train anymore.“ Lokführer winken einem nicht mehr zu. Da ist was schiefgelaufen.

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