Kultur : Ballade von der Ausreißerin

Sie heißt Toni Kater und wollte Popstar werden: Nun schreibt sie Songs, die sie selbst gerne hört

Michaela Soyer

Anett und ihre Freundin Helene waren 16, als sie sich in der Kleinstadt im Ostharz wie Außenseiterinnen vorkamen. Sie waren ein bisschen selbst schuld. Denn die Mädchen schotteten sich ab, um zusammen Musik zu machen. Wie die Bangles wollten sie damals klingen. Als sie durch den Umzug von Helene auseinander gerissen werden sollten, sind sie von zu Hause abgehauen. Nach Ibiza. Ihr Idol Michael Cretu alias Enigma lebte dort. Und er hatte auf der Insel ein Studio. „Wir haben verdammt viel Glück gehabt und es war das Schlimmste, was ich meinen Eltern antun konnte“, sagt Anett elf Jahre später.

Sie ist hübsch, jung, wohnt in Friedrichshain und studiert Musik- und Literaturwissenschaften. Aber nur nebenbei. Denn noch immer macht sie hauptsächlich Musik. Die 27-Jährige nennt sich Toni Kater. Ihre erste Soloplatte „Gegen die Zeit“ ist gerade fertig geworden. Sie machte eine Deutschland-Tour, und die Berliner Radiosender haben ihre Single „Wo bist du“ ins Programm genommen. Es scheint, als ob sie ihrem Jugendtraum ein wenig näher gekommen ist.

Das Album erinnert in den stärksten Songs an die Cardigans. Ihre Lieder sind romantisch, manchmal rührselig. Sie leben von der mädchenhaften Vorstellung, dass irgendwie alles egal und besser ist, wenn man glücklich verliebt durch die Stadt schwebt. Was man verstehen kann, wenn man weiß, dass die meisten Kompositionen entstanden sind, als Anett Liebeskummer hatte. „Die Stücke sind aus der Vision heraus entstanden, wie es hätte werden können“, erzählt sie. Sie wirkt zerbrechlich, wenn sie so über ihr Schicksal redet. Ihre Augen haben etwas Kätzchenhaftes. Und tatsächlich: „Ich habe mich bei meinem Künstlernamen von ,Catpower’ inspirieren lassen.“

Seit 1996 trat sie mit ihrer Freundin noch unter dem Namen „Helena“ auf. Damals sei es ihr nicht so sehr um die Musik, sondern darum gegangen, ein Star zu werden. Und die Chancen standen nicht schlecht. Die Mädchen wurden direkt nach dem Abitur von BMG unter Vertrag genommen. „Wir dachten, jetzt geht es richtig los.“ Ging es aber nicht. Ihre selbst komponierten Stücke durften das Duo nicht spielen. Eine Single wurde schnell und lieblos produziert. Nachdem sie ein Jahr von BMG nichts hörten, machten sie sich auf die Suche nach neuen Produzenten. Tommi Eckart und Inga Humpe von 2raumwohnung stellten ihnen ein Studio zur Verfügung. Zum ersten Mal konnten Helene und Anett experimentieren und Musik machen, die sie selbst gerne hören würden.

Helene studiert jetzt in Dresden Malerei. „Ich habe lange überlegt, ob ich weitermachen soll“, sagt Anett. Es sei merkwürdig gewesen, alleine auf der Bühne zu stehen und für alles verantwortlich zu sein. „Eigentlich bin ich eher schüchtern.“ Helene kümmert sich jetzt um Toni Katers Corporate Identity. Sie gestaltet das CD-Cover, Videos und T-Shirts.

Anett singt über ihr Leben zwischen Jugend und Erwachsensein. Wahrscheinlich erreicht sie deshalb junge Frauen Mitte 20, also jene urbanen Vagabundinnen, die zwar ein wenig desillusioniert sind, aber immer noch Träume haben. Die nach überwundener Quarterlife crisis die Hoffnung auf die große Liebe noch nicht aufgeben wollen. Wie lange Toni Kater künstlerisch in diesem Zustand verharren kann, weiß auch sie selbst nicht genau. Aber für eine weitere Platte und vielleicht auch einen Charterfolg könnte es reichen.

Toni Kater spielt heute im Casino, 20 Uhr; „Gegen die Zeit“ (it-sounds) erscheint am 28. Juni.

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