Kultur : Ballermänner

Zum Start des Festivals „Berlin del mar“

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Foto: DramaFoto: Luesch/drama-berlin.de

Olympic size pool! Top-Lage in Berlin- Mitte!Exklusiver Palmenhain! Mit solchen Versprechungen lockt „Berlin del mar“ alle, die von summer in the city träumen. Die Sophiensäle, die wegen Renovierung geschlossen sind, laden für ihr Performance-Festival in einen fiktiven Ferienclub. Am Alexanderplatz duckt sich ein runtergekommener Flachbau mit Markise neben dem leer stehenden Haus der Statistik und anderen architektonischen Scheußlichkeiten. Wer eintritt, muss erst einen Souvenirshop passieren, um dann zur Musteranlage zu gelangen. „Berlin del mar“ wurde auf einem Parkplatz errichtet – und tut erst gar nicht so, als wäre es ein künstliches Paradies.

Attrappen statt Attraktionen. Der Sand wurde in ein Betonrund gekippt. Knisternde Kunst-Palmen und ein paar Liegestühle komplettieren das zeichenhafte Ensemble. Den Pool muss man sich dazudenken. Für die Illusion von Mallorca reicht es nicht bei diesem Provisorium. Doch der Location ist ein gewisses Berlin-Flair nicht abzusprechen. Wenn man hier im Regen sitzt, den ruinösen Plattenbau betrachtet oder am Würstchengrill ansteht, bekommt man unweigerlich den Hauptstadt-Blues.

Die Künstler setzen sich bei diesem Festival mit der Faszination künstlicher Ferienwelten auseinander – und stellen die Frage, ob Berlin- Mitte inzwischen zum Ferienresort mutiert ist. Der Eröffnungsabend ist von kaum zu überbietender Tristesse. Zur Happy-Hour herrscht gähnende Langeweile. Die Loverfuckers haben zwar ihre Rolf-Eden-Puppe dabei. Doch der Lustgreis legt sich an diesem Abend noch nicht ins Zeug. Auch die Beglücker vom Escort- Service „Lez Hommes“ lungern tatenlos herum. Nervenkitzel verspricht der Stand von Monster Truck, die in „No risk no fun“ Entführungen anbieten. Beim mexikanischen Kidnapping sei der Sexappeal-Faktor sehr hoch, erklärt der schmierige Reiseleiter – und schon springen vier Performer mit Sombrero und angeklebtem Schnurrbart aus dem Wagen. Doch auch hier gilt, dass im Prospekt alles aufregender ist.

Dem Touristen-Grusical „Die Verlobung von Santo Domingo“ liegt eine Novelle Kleists zugrunde. Doch die wüste Geschichte, die vor dem Hintergrund des Sklavenaufstands 1802 in Haiti spielt, ist für das Anarcho-Puppenspielerkollektiv „Das Helmi“ nur ein Vorwand, um möglichst viele von ihren herrlich lumpigen, lausigen Puppen, die aus Schaumgummi und Sperrholz gefertigt sind, über die Bühne tanzen zu lassen. Cora Frost verschreckt als Voudou-Hexe die Tropen- Touristen, singt das eine oder andere Lied und fordert am Ende die Zuschauer auf: Holt die Würstchen raus! Feiert euer armseliges blödes Leben!

Patrick Wengenroth ruft in „Baywatch Ballermann Berlin“ den Bademeister-Darsteller David Hasselhoff, auf den Plan. Allerdings musste die Performance wegen Regens abgebrochen werden – was nicht schade war, weil die Darsteller offenkundig ihr Rettungsschwimmer-Praktikum geschwänzt haben. „Berlin del mar“ ging am ersten Abend baden – doch es kann noch schlimmer kommen, zum Beispiel in „Hell O-Holiday“. Die Künstler sind offenkundig wild dazu entschlossen, den Clubbesuchern den Urlaub zu versauen. Sandra Luzina

Haus der Statistik, Otto-Braun-Str. 70-72, 25./26., 30.6. u. 1.- 3.7., ab 18 Uhr

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