Ballet : Die Grazile

Ballerina Assoluta: Zum Tod von Eva Evdokimova.

Sandra Luzina

Wer Eva Evdokimova als entrückte „La Sylphide“ erlebte, der wusste: Diese Tänzerin war aus einem feineren Stoff geschaffen. Mit ihrer zarten Erscheinung und mädchenhaften Grazie verzauberte sie das Publikum. Die großen Partien des romantischen Balletts waren ihre Glanzrollen, mit unvergleichlicher Finesse bewegte sie sich als Frau in Weiß durch ätherische Traumwelten. Doch die Ballerina hatte auch ihren eigenen Kopf – und konnte sehr kampfeslustig auftreten.

1948 in Genf als Tochter eines Bulgaren und einer Amerikanerin geboren, trat sie mit sechs Jahren in die Ballettschule der Bayerischen Staatsoper ein, vier Jahre später wechselte sie zur Royal Ballet School nach London. Ihr erstes Engagement führte sie ans Königlich-Dänische Ballett in Kopenhagen, bald darauf begann sie ihren Siegeszug an der Deutschen Oper Berlin: Von 1973 bis 1985 gehörte sie dem Ensemble als Primaballerina an. Dank ihres Könnens und ihrer Strahlkraft eroberte Berlins First Lady die großen Bühnen der Welt; häufig trat sie als Partnerin von Rudolf Nurejew auf.

Ihr Tanz war eine harmonische Synthese aus westlichen Stilen und russischer Schule. Als erste Amerikanerin tanzte sie mit dem legendären Kirow-Ballett in St. Petersburg, sie genoss auch das Privileg, für einige Wochen dort Unterricht nehmen zu dürfen. Die Direktorin der berühmten Kaderschmiede, Natalya Dudinskaya, nannte sie eine Primaballerina Assoluta. Eva Evdokimova brachte Glanz nach Berlin, doch hinter den Kulissen krachte es schließlich. Als 1984 ihre Vertragsverlängerung anstand, stellte Evdokimova Forderungen. Zur Verbesserung des künstlerischen Niveaus bestand sie auf ausreichende Probemöglichkeiten, mehr Auftritte und bessere Choreografen. Sie wollte so auf die stiefmütterliche Behandlung des Balletts in Berlin aufmerksam machen. Götz Friedrich, Generalintendant der Deutschen Oper, erklärte sie im Tagesspiegel-Gespräch, habe dies jedoch als Kriegserklärung verstanden. 1985 schied sie im Streit und gründete in New York eine Ballettcompagnie. Nur noch einmal kam sie zurück an die Spree: Bei einer Wohltätigkeitsgala tanzte sie den „Sterbenden Schwan“. Mit 59 Jahren erlag Eva Evdokimova jetzt in New York einem Krebsleiden. Sandra Luzina

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