Kultur : Ballett der Gliedmaßen

Körper-Obsessionen: Hans Bellmers Puppenfotos in der Galerie Berinson

Christian Schröder

Beine spreizen sich weit oder enden schon am Knie. Köpfe liegen neben verrenkten Gliedern, oft fehlen sie ganz. Brüste, in der Untersicht gigantisch groß wirkend, wölben sich aus Bäuchen und Taillen, manchmal sind es gleich vier. „Les Anagrammes du Corps“, so hat Hans Bellmer einen späten Radierzyklus genannt. Ein Anagramm des Körpers, diese Metapher passt genauso zu seinen Fotografien, auf denen der Künstler den Körper der von ihm erschaffenen Mädchenpuppen in seine Einzelteile zerlegt und in immer wieder neuen Konstellationen zusammensetzt. Ein absurdes Ballett der Gliedmaßen, der Körper als Alphabet, das in jeder Umstellung seiner Einzelteile einen anderen Sinn ergibt.

In der Galerie Berinson sind jetzt 57 dieser Puppenfotos zu sehen. Schon quantitativ kommt die Ausstellung einer Sensation gleich. Das überlieferte fotografische Oeuvre von Bellmer ist schmal, auch eine Museumsretrospektive könnte kaum mehr zeigen. Die Bilder, allesamt in den dreißiger Jahren in Berlin entstanden, sind kleinformatige Vintage Prints, die größtenteils aus dem Nachlass des Künstlers stammen, einige sind Unikate. Entsprechend hoch sind die Preise, sie liegen zwischen 25 000 und 130 000 Euro.

Das teuerste Stück zeigt den auf ein doppeltes Brustpaar montierten Kopf von Bellmers Puppe auf dem Rand eines gusseisernen Waschbeckens. Die leeren Augen der mit einer Federperücke bekrönten Kunstfrau blicken frontal in die Kamera. Neben ihr wirft der Wasserhahn einen harten Schatten. Das Bild ist die perfekte Verkörperung der von den Surrealisten erhobenen Forderung, Schönheit sei „die zufällige Begegnung einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Operationstisch“. Entstanden ist es vermutlich im Keller von Bellmers Wohnung in der Karlshorster Ehrenfelsstraße, wo er von 1930 bis zu seinem Umzug nach Paris im Frühjahr 1938 lebte.

„Natürlich bin ich der große Verehrer des ,Schocks’, doch liebe ich auch das zarte Spiel, das einige parallele Linien zustande bringen“, schrieb Bellmer in einem Brief. Bis heute erregen seine ästhetisch radikalen, oft bis an den Rand des Pornographischen expliziten Werke Anstoß. Zu seinen Lebzeiten waren sie nahezu unbekannt. Die Arrangements geschnürter, verbogener, sadistisch gepeinigter Körper nehmen die postmodernen Ich-Inszenierungen einer Cindy Sherman vorweg und erinnern gleichzeitig an die Automaten-Begeisterung der Romantiker, an Kleists Marionetten und den „Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann.

Hans Bellmer, 1902 im schlesischen Kattowitz geboren, brach sein Studium an der Technischen Universität in Berlin ab, um sich fortan als Gebrauchsgraphiker durchzuschlagen. Er entwirft Anzeigen und Buchillustrationen, darunter auch eine Titelmontage für Walter Serners Roman „Die Tigerin“. Dass er 1933 aus Holz, Stroh, Metall und Gips seine erste lebensgroße Puppe baut, kann man auch als eine Abrechnung mit dem verhassten Vater verstehen, der ihn zum Ingenieursberuf hatte zwingen wollen. Der Fetisch ist perfekt konstruiert, das Wunschgeschöpf einer erotischen Obsession und der Ausweis technischer Meisterschaft. Eine zweite Puppe, wenige Jahre später gebaut und heute im Besitz des Centre Pompidou, verfügt sogar über ein Kugelgelenk, mit dem Ober- und Unterkörper bequem bewegt werden können.

Seine Puppenfotografien seien „Poesie-Erreger“, hat Bellmer gesagt. 1934 erscheint seine Fotoserie „La Poupée“ in der Zeitschrift „Minotaure“, dem Zentralorgan der surrealistischen Bewegung. Die Pariser Avantgardisten sind begeistert, sie erkennen in dem Deutschen sofort einen Seelenverwandten. Doch Bellmers Fotobuch „Die Puppe“, 1934 in Schlesien aufgelegt, wird nur in wenigen Exemplaren verbreitet. Ein zweites Buch, für das Bellmer seine Fotos mit Anilinfarben koloriert, erscheint 1949 unter dem Titel „Les Jeux de la Poupée“ im Verlag von Heinz Berggruen. Berggruen hält den 1975 arm und vereinsamt in Paris gestorbenen Bellmer heute immer noch für den „meistunterschätzten Künstler“. Die Spiele der Puppe: Sie finden in einer Sphäre statt, die mehr Traum ist denn Wirklichkeit.

Galerie Berinson, Auguststraße 22, Eröffnung heute 17 Uhr, bis 14. April, Dienstag bis Sonnabend 12 – 18 Uhr.

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