Ballett : Die kürzeste Geschichte der Zeit

Uraufführung beim Staatsballett Berlin: Vladimir Malakhov beeindruckt als Schmerzensmann in Tomaz Pandurs „Symphony of Sorrowful Songs“.

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Seelentänzer. V. Malakhov Foto: Hoensch
Seelentänzer. V. Malakhov Foto: HoenschFoto: Eventpress Hoensch

Am Anfang vollzieht sich eine Wiedergeburt: Vladimir Malakhov schält sich langsam aus durchsichtigen Plastikhüllen, zart und verletzlich wirkt dieser blasse Tänzerkörper. Schutzlos wird er in „Symphony of Sorrowful Songs“ in die Welt entlassen – und dem Diktat der Zeit unterworfen. Wie Malakhov sich zum Seelentänzer häutet, das zieht von der ersten Sekunde an in Bann. Der Intendant des Staatsballetts Berlin ist offenkundig dabei, sich neu zu erfinden.

Der slowenische Regisseur Tomaz Pandur ist bekannt für bildgewaltige Inszenierungen; Malakhov ist das Wagnis eingegangen, ihn mit einer Uraufführung zu beauftragen. Pandur stellt sich dabei die schier unlösbare Aufgabe, das Wesen der Zeit zu ergründen. Inspiriert haben ihn zwei denkbar verschiedene Geister: der russische Filmregisseur Andrej Tarkowski und der Physiker Stephen Hawking, dessen Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“ zum Bestseller wurde. Pandurs gut einstündige Inszenierung stellt wohl die kürzeste Geschichte der Zeit dar – ein Trip zwischen Mystik und Marter, Schrecken und Schönheit.

Seinen Titel verdankt das Ballett der dritten Sinfonie von Henryk Górecki. Das Werk des polnischen Komponisten besteht aus drei langsamen Sätzen, die sich kontinuierlich steigern bis zum Einsatz der Sopranstimme. In der Staatsoper grundieren sie das Bühnengeschehen mit der Innigkeit von Klage und Gebet. Malakhov ist hier der einsame Wanderer, der Schmerzensmann, der sich die Schrecken der Geschichte vergegenwärtigt. Er schlüpft in schwarze Militärstiefel, setzt sich eine Schapka auf – und wird aufgesogen und abgestoßen von dem Ensemble aus sieben Männern und Frauen, die als uniformes Kollektiv auftreten.

Tomaz Pandur besitzt einen rigorosen Stilwillen. Das zeigt sich nicht nur darin, dass er dem Berliner Staatsballett einen neuen, einheitlichen Look verpasst. Unerbittlich durchästhetisiert sind die Szenen, die an Krieg oder Lager erinnern sollen: rote Farbe, die den Hals entlangrinnt, ein Orden, der an eine nackte Männerbrust geheftet wird – das wirkt so malerisch, dass es das Grauen eliminiert. Manchmal beschwört er geradezu eine Idylle herauf, etwa wenn Malakhov von weiß gekleideten Jungs auf dem Fahrrad umkreist wird: im Schatten junger Knabenblüte.

Der hoch symbolische Bilderreigen übt einen hypnotischen Sog aus, auch wenn vieles kryptisch wirkt. Das liegt an der intensiven Darstellung von Malakhov und seinen Tänzern. Ronald Savkovic, der fünf Jahre als Erster Solist mit dem Staatsballett auftrat, wurde neben Pandur als „choreografische Unterstützung“ engagiert. Er sucht eine Balance zwischen der eleganten Linie des Balletts und expressiven Bewegungen, die der Mitte des Körpers entspringen. Savkovic versteht es vor allem, die Männer ins schönste Licht zu rücken. Sie dürfen viel nackte Haut zeigen, mit ihrem dramatischen Augen-Make-up ähneln sie den männlichen Primadonnen, wie man sie von Maurice Béjart kennt. Savkovic unterstreicht das Athletische, ihm gelingt aber auch ein hinreißendes Trio aus Hebungen und Verschlingungen. Die Damen, die den Spitzen- mit dem Stöckelschuh vertauscht haben, kippen stärker ins Stereotype als die Männer. Neben Malakhov glänzt Nadja Saidakova als Solistin, die Hingabe mit Härte wunderbar verbindet. Ihre pas de deux mit Malakhov sind keine ätherischen Höhenflüge, sondern Zerreißproben.

Die von Hanna Schygulla gesprochenen Texte, die – wie die Musik – vom Band eingespielt werden, raunen von der ekstatischen Zeiterfahrung des Künstlers. Vladimir Malakhov nimmt dank seiner gesteigerten Präsenz den Zuschauer dabei tatsächlich gefangen. Für das Staatsballett stellt die „Symphony of Sorrowful Songs“ den mutigen Versuch dar, avancierte Theatralität und ein zeitgenössisches Tanzidiom miteinander zu verbinden. Es wurde auch Zeit!

Wieder am 28. und 30. 4. sowie am 5., 11., 13., 20., 21. und 29. Mai.

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