Ballett : Eros am Ende

Mauro Bigonzettis "Caravaggio" mit dem Staatsballett Berlin: Beim Schlussapplaus kam es in der Staatsoper zu tumulthaften Szenen.

Sandra Luzina

BerlinUm es gleich vorwegzunehmen: Provokante Erotik, auch Homoerotik, sucht man bei „Caravaggio“, der neuen Kreation des Staatsballetts Berlin, vergeblich. Das Ballett von Mauro Bigonzetti hat dennoch die Gemüter des Berliner Publikums erregt. Beim Schlussapplaus kam es in der Staatsoper zu tumulthaften Szenen. Unter die Bravos für die Solisten mischten sich auch Buhs, die Vladimir Malakhov und seinem Choreografen galten.

Nun ist es allein schon tollkühn von Mauro Bigonzetti, seinen Ballettabend „Caravaggio“ zu nennen nach dem revolutionären Neuerer des italienischen Frühbarock. Michelangelo Merisi da Caravaggio provozierte nicht nur als Maler. Er war – so viel ist verbürgt – ein aufbrausender, jähzorniger Charakter. Nachdem er im Streit einen Mann erschlagen hatte, wurde er zum gesuchten Mörder. Bigonzetti will nun nicht einfach die Biografie dieses künstlerischen Extremisten nacherzählen. Der Maler wird ihm aber auch nicht zur leidenschaftlichen Identi fikationsfigur wie Derek Jarman, der in seinem Film eindrucksvoll die Hintergründe und Triebkräfte von Caravaggios künstlerischem Schaffen beleuchtete.

Einsamkeit, Gewalt und Schuld sind einige der zentralen Motive, doch das Ballett wirkt seltsam unentschieden, auch der choreografischen Gestaltung fehlt es an sinnlicher Vehemenz und dramatischer Wucht. Vladimir Malakhov, der als Caravaggio zahlreichen Versuchungen ausgesetzt ist, darf viel Haut zeigen. Immer wieder verdreht er den Torso, verkeilt sich mit anderen Leibern. Dieser zerrissene Künstler, der die Grenzen zwischen dem Göttlichen und dem Mensch lichen auflöste – Malakhov leiht ihm die Züge eines Märtyrers.

Der Außenseiter begegnet hier realen Personen aus seinem Leben sowie Figuren aus seinen Bildern – bei Bigonzetti verschwimmen die Charaktere. Die Duos, Trios und Quartette alternieren mit heiteren Ensembleszenen. Römische Ragazzi und Ragazze tollen hier aus gelassen über die Bühne, Wehmütig denkt man an Caravaggios so anmutige wie herausfordern de Jünglinge. Von deren Knabenblüte ist wenig übrig geblieben. Auch die beiden Bacchi mit offenen Blusen, die mit Weintrauben locken, sind keine erotische Verheißung.

Die Frauen haben einen starken Auftritt: Die verführerische Polina Semionova verkörpert einen Engel, der den Künstler leidenschaftlich umfängt. Bald aber wird sie zur strengen Gebieterin. Dem am Boden Liegenden verpasst sie einen Tritt in die Magengrube. Beeindruckend auch Beatrice Knop, die an Caravaggios blutrünstige Judith oder Salome erinnert. Sie traktiert Malakhov mit Hieben und Schnitten. Shoko Nakamura und Michael Banzhaf, das zärtlichste Paar, umschlingt Malakhov in einer Ménage-à-trois in amouröse dekorative Verstrickungen.

Ein goldener Bildrahmen schwebt dann im zweiten Akt über der Bühne. Eine einzelne Figur schält sich aus dem tiefen Schwarz heraus. Leonard Jakovina, der neue Schwarm des Staats balletts, agiert hier das Double von Malakhov. Der Künstler und seine Spiegelungen: Jakovina verschwindet aus dem Bild, um sich in einem Pas de deux mit Malakhov zu vereinigen. Dieses so rabiate wie zarte Männerduett ist weniger ein erotischer Zweikampf, sondern lässt an eine Pietà denken. Dar stellung der Gewalt – Gewalt der Darstellung: Davon ist nichts zu spüren, wenn Malakhov später seine Gefährten und Geschöpfe mit roter Farbe beschmiert. Der Engel führt ihm bei diesem symbolischen Mord die Hand.

Bruno Moretti hat die Musik Monte verdis, eines Zeitgenossen Caravaggios, neu für Orchester arrangiert. Seine Kompositionen – von der Staatskapelle unter Paul Connelly engagiert gespielt – haben einen stark romantisierenden Gestus. Bigonzetti gelingen keine starken Bilder. Er vermag den Tänzern in seinem ästhe tisierenden Zugriff keine bezwingend- expressive Körperlichkeit zu entlocken. Sein „Caravaggio“ wird zur römischen Elegie, mit einem blassen Malakhov, der weder berührt noch verführt.

Wieder: 9., 12., 13., 15., 26. 12. (19 Uhr 30)

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