Kultur : Ballett: Nie mehr Schwanensee

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Mikhail Baryshnikov ist eine Ikone des klassischen Balletts, er war Solist in St. Petersburg und New York. Zum "Tanz im August" kommt der 53-jährige aber mit postmodernem Tanz, seinem "White Oak Dance Project". Das bedarf einer Erklärung. "Zeitgenössischer Tanz ist emotionaler als zum Beispiel Schwanensee", erläuterte er beim Pressegespräch im Hebbel-Theater. "Klassisches Ballett ist schön anzusehen, aber man hat als Zuschauer nicht das Gefühl, dass es einen selbst betrifft. Beim modernen Tanz sagt der Tänzer: Sieh mich an, ich bin du. Das bewegt mich mehr als alles andere." Dies bedeutet für ihn eine Abkehr von allem, was er verinnerlicht hat: "Ich habe gelernt, Gesten zu übertreiben, jetzt muß ich jede unnötige Bewegung vermeiden. Moderner Tanz ist absolut reduziert und deshalb zutiefst menschlich."

Klassisches Ballett sieht der gebürtige Russe, der seit 1974 in New York lebt, nur noch selten. "Es reizt mich einfach nicht mehr, eine weitere Produktion der bekannten Stücke zu sehen. Das Leben ist zu kurz, um sich immer mit den gleichen Dingen zu beschäftigen. Ich will vorwärtskommen und begreifen, was wirklich passiert." Wieso setzt sich sein Programm dann zum großen Teil aus Werken der sechziger und siebziger Jahre zusammen, von mittlerweile etablierten Choreografen wie Trisha Brown und Lucinda Childs? "Ohne sie wäre zeitgenössischer Tanz gar nicht denkbar. Sie lösten sich vom Ballett-Establishment und standen visueller Kunst wie Film oder Pop-Art näher. Unser Programm ist eine Rückschau, die die Gegenwart erhellen soll. Ich möchte, dass das Publikum begreift, dass damals eine völlig neue Form des Tanzes entstanden ist." Eine Form, die auch an den Zuschauer höhere Anforderungen stellt: "Das Publikum soll nicht in erster Linie passiv genießen, sondern ist aufgefordert, selbst herauszufinden, was der Choreograf vermitteln will."

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