Kultur : Balsam für die Seele

SUSANNE MESSMER

Das ist genau das Richtige, mitten im Winter, dieser finsteren Jahreszeit voller Schneematsch und ohne Himmel.Jetzt Rialto zu sehen, das ist wie Honig in den Tee träufeln, eine Kerze anzünden oder Zimtsterne essen.Rialto funkeln auf der Bühne wie glamouröse Lichtgestalten, links und rechts hinten stehen zwei schillernde Schlagzeuge, vorne Gitarrist und Bassist, die fast bei jedem Song in den Refrain einfallen.Der Sänger in der Mitte, Louis Eliot, hat das catchy Charisma eines Londoner Gewerkschaftlers mit italienischer Großmutter.Mal wirkt er wie Rodolfo Valentino, mal wie ein "modern guy", sarkastisch, aber mit Herzensbildung und einem unbesiegbaren Hang zur Dramatik.Seine Songs werden nie hart und aggressiv, sind immer sachte untermalt durch kitschige Streicher und eine schwelgerische Orgel.Sie handeln von der Melancholie verlassener Strandbäder, wenn der Sommer vorbei ist, vom charmanten Chauvinismus britischer Mods, die ihre Freundin verlassen, wenn sie erst morgens nach Hause kommt, die ihrem Engel die Flügel stutzen, damit er bei ihnen bleibt, von Langeweile, Telefonsex und Underdogs, die, bitter und allein, den Mond anheulen.Dabei benutzt Louis Eliot seine Mimik wie ein Darsteller aus einem Stummfilm.Kurz vorm drastisch schmachtenden Höhepunkt eines jeden Songs fällt ihm eine Haarlocke sehr wirkungsvoll ins Gesicht, er sackt zusammen und geht symbolisch in die Knie.Und mit ihm sein Publikum.Was Wunder, daß hier vor allem Frauen erschienen sind, die ihren Freund nur dann im Schlepptau haben, wenn die beste Freundin gerade nicht mitkommen konnte.Das hier ist kein Jungsdings.Das ist Britpop für die ganz, ganz weichen Seiten des Daseins.Hat da jemand behauptet, Britpop habe sich erledigt? Falsch.So lange es Rialto gibt, diese antimoderne, unoriginelle, aber durch und durch bezaubernde Mischung aus dem Schmalz der Beatles und Smiths, der Prolligkeit von Oasis und der smarten Feingliedrigkeit von Pulp, verziert durch eine dicke Schicht Puderzucker - solange es Bands gibt wie diese, wird England das Land bleiben, in das man sämtliche Nostalgiebedürfnisse sanft und zärtlich betten kann.

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