Kultur : Bambi und der Broiler

Rimski-Korsakows „Goldener Hahn“ an der Komischen Oper Berlin

Sybill Mahlke

Die Musik von Nikolai Rimski-Korsakow fasziniert sofort. Welche Farben! Ein sechster Sinn für die Orchesterpalette! Mit dieser Aufführung unter dem Dirigenten Michail Jurowski erweist der Komponist sich mehr denn je als unmittelbarer Vorgänger seines großen Schülers Igor Strawinsky, der ihm die Virtuosität in der Behandlung der Instrumente verdankt. Kühne Harmonik mit Vorliebe für den Tritonus kreuzt sich mit dramaturgisch sinnstiftender Einfalt. Es lohnt sich, die Meisterpartitur vom „Goldenen Hahn“ in der Interpretation des Orchesters der Komischen Oper Berlin öfter als nur einmal zu hören.

Ein „reines Märchen“. Aber halt! In grauer Vorzeit will Regisseur Andreas Homoki die Parabel auf die „Dreifaltigkeit von Dummheit, Faulheit und Eitelkeit“ nicht belassen. Das Bühnenbild von Hartmut Meyer spielt globales Welttheater, dessen Signal ein riesiges Entlüftungsrohr darstellt. Menschen quellen daraus hervor. Ihr seltsames Outfit ist eine Kombination aus Kriegsuniform und Nachthemd. Vielleicht untote Vietnam-Veteranen. Es muss etwas faul sein in einem derart verschlafenen Staat und seinen Bojaren, wie die szenische Eröffnung der Satire zeigt.

Im warmen Bett fühlt der alte Zar Dodon sich am wohlsten. Er ist zu müde und närrisch geworden, um die Probleme seiner Gegenwart wahrzunehmen. In dieser erstarrten und wegen seiner vielen Feinde nicht ungefährlichen Situation verfällt der Zar der Verführung einer orientalischen Frau. Sie bietet ihm ihre Bettstatt an und zerstört sein Reich.

Sinnentleertes Leben in einer zivilisierten, fortschrittsfeindlichen Welt und freies naturnahes Dasein der Königin von Schemacha kontrastieren in dem Versmärchen Puschkins, das dem „Goldenen Hahn“ von Rimski zugrunde liegt. Russlands größter Dichter, der mit Mussorgskis „Boris Godunow“ und Tschaikowskys „Eugen Onegin“ Russlands größte Opern hervorgerufen hat, begeisterte auch Rimski. Der Musiker war „Puschkinist“ wie zahlreiche seiner Landsleute vor und nach der Revolution. Sein Alterswerk um den alternden Zaren aber konnte der zaristischen Zensur nicht gefallen. Da Rimski sich nicht beugen wollte, wurde das Stück erst nach seinem Tod uraufgeführt. Die Komische Oper will zur Renaissance des „vernachlässigten“ Komponisten auch in Zukunft beitragen, wie auf einer Pressekonferenz gesagt wurde.

Bei der Titelfigur handelt es sich um ein mechanisches Zauberding, das dem faul gewordenen Herrscher das Denken abnimmt. Wenn der goldene Hahn kräht, droht Gefahr. Er sieht aus wie ein kleiner Preispokal à la Bambi und ist das unheilvolle Geschenk eines Sternendeuters und Kastraten, der sich weise nennt, es aber seinerseits rätselhafterweise auf die orientalische Königin abgesehen hat. Kriege kommen, Söhne fallen. Und die Angebetete lacht – über den toten Astrologen und den toten Diktator. Die Natur ist so raffiniert, sich ihrer Zerstörer zu entledigen.

Bei Homoki gehen die orientalische Königin und ihr Gefolge, das einem poppigen Mädchenpensionat gleicht (Kostüme: Mechthild Seipel), mit den erotischen Wünschen der Männer nicht zimperlich um. Der Regisseur zeigt die mörderische Unschuld der Frau als Comic. Versteckspiel mit listigem Kleiderwechsel, bunte, aufgeblasene Aeroskulpturen am Himmel (Birgit Schöne), Theater wie bei Striese: „Ach, du Schreck! Ein Zelt! So orientalisch!“ Die deutsche Übersetzung von Reinhold Andert und dem Dramaturgen Werner Hintze scheut keinen drastischen oder kalauernden Humor.

Stereotypen entgeht die Inszenierung nicht. Aber Homokis Regiehand ist nach dem Erfolg des zauberischen „Rosenkavaliers“ wieder leichter geworden in der Personenführung als etwa bei dem verengten „Eugen Onegin“.

Das Ensemble führen glänzend Valentina Farcas als mädchenhaft Lulu-verwandte Königin und Carsten Sabrowski als Zar mit dem komödiantischen Mut zur Lächerlichkeit an. Während Sabrowskis Gesang das Wort im Handlungssinn ehrt, bleibt Textverständlichkeit bei vielen Textpassagen, die als Mitteilung wichtig sind (Diane Pilcher als Beschließerin Amelfa), vorläufig auf der Strecke. Das gilt nicht für die fabelhaften Chorsolisten der Komischen Oper. Thomas Ebenstein und Nanco de Vries sind mit deutlichem Einsatz die beiden Zarewitschs, die nur Ballspiel im Sinn haben, Mirka Wagner kräht selbstlos mit der Stimme des Hahns. Etwas enttäuschend dagegen Jochen Kowalski, weil sein Astrologe sich als intellektueller Drahtzieher stimmlich zu wenig durchsetzt

Anrührend hat Andreas Homoki inszeniert, wie das frierende russische Volk immer wieder Schutz sucht bei einem Diktator, der ihm nicht helfen kann und will. Das Volk ist der leidende Träger der Geschichte.

Weitere Vorstellungen am 3., 9., 11. und 24. Juni sowie am 8. und 19. Juli

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