Kultur : Bandagierte Köpfe

Die 36. Art Cologne sucht einen Weg aus der Krise: die Galerien verbreiten verhaltenen Optimismus

Sigrid Nebelung

Des teuerste Bild auf der Messe ist Chagalls ,Le Village en Fête’, bei der Salzburger Galerie Salis & Vertes für 2,4 Millionen Euro. Das ist sicher kein Zufall. Chagall steht für Leichtigkeit und Lesbarkeit – angesichts des darniederliegenden Aktienmarktes womöglich eine solide Alternative. Als Wandaktie.

„Wer heute Kunst verkaufen will, muss ein Menschenfänger sein“, erklärt die Kunstzeitschrift „Art“ die Berufsanforderungen eines Galeristen. Er müsse Sammler, Kritiker, Museumsleute anlocken und bei der Stange halten. Die derzeitige Stimmung in Deutschland jedoch erschwert allen Menschenfängern die Arbeit. Der Londoner Galerist David Juda versteht die gedrückte Stimmung ohnehin nicht, in Basel seien die Geschäfte hervorragend gelaufen. „Geschäfte haben bekanntlich viel mit Psychologie zu tun“, sagt er mit Seitenblick auf die Deutschen und hofft nun auch auf möglichst viele Börsendeserteure. Ein Profi wie Michael Schultz aus Berlin hält sich lieber an die Devise ,Mit Volldampf durch die Krise’. Er hat in den ersten Messetagen bereits viel verkauft, darunter das Bild eines bandagierten Kinderkopfes von Cornelia Schleime mit dem Titel ,Noch mal gut gegangen’ (14 400 Euro). Vermutlich das passende Motto für die Schlussbilanz der Messe.

Kleiner und feiner denn ja präsentiert sich die 36. Art Cologne: Mit offeneren Kojen, breiteren Flaniermeilen (samt Ruhebänken) und besserer Beleuchtung. Der Rahmen stimmt. Die Kehrseite dieser Messepolitik: die Ablehnung von rund 140 Galerien durch den von Karsten Greve geleiteten Zulassungsauschuss. Greves Wunschziel liegt bei 220 Galerien – statt derzeit 258. Die Querelen werden also weitergehen.

Und die Zugelassenen? Sie glänzen durch Verhaltenheit. Alles ist gediegen und schön in den Kojen der Bel Etage. Es gibt herrliche Einblicke, aber kaum Höhepunkte. Unübersehbar ist Karsten Greve, als Anführer der Kölner Riege, mit Skulpturen von Louise Bourgeois als Blickfang. Daneben eine museumsreife Präsentation der Galerie Werner mit Penck und Baselitz, Lüpertz, lmmendorff und Kirkeby. Gmurzynska erinnert an die guten Zeiten der Galerie als Pionierin der Russischen Avantgarde.

Das Riesenbild von Dennis Hopper (427 x 655 cm) einer New Yorker Straßenszene bei Hans Mayer (Düsseldorf), verdeutlicht den Ehrgeiz des amerikanischen Multitalents und fand sogleich, für 140 000 Euro, einen Sammler. Am begehrtesten sind in Köln die kleinen Formate auf Papier von Sigmar Polke, neue Gouachen (Leuchtfarben und Raster, 2002, 22 000 Euro) und alte Multiples der Siebzigerjahre. Polkes Lieblingsgalerist Gerhard Klein (Mönchengladbach) hat auch eine Fotoserie von Polke und Katharina Sieverding von 1972/73 ausgegraben: Er aIs lachender Hippie in Afghanistan mit Gewehr in der Hand, sie als Zirkusschönheit furchtlose Zielscheibe des Messerwerfers (60 000 Euro).

Auch ein enfant terrible wie Jonathan Meese hat es schon in die BeI Etage verschlagen. Bei Ascan Crone/Andreas Osarek (Berlin) spielt er Vater-Mutter-Kind. Das Kind, natürlich er selbst, kritzelt ,Kindheil’ oder ,Zardaskopf erwache’ an die Installationswand. Hitler-Paraphrasen als Provokation? Meeses Sammler Harald Falckenberg schreibt in einem neuen Band von „Kunst im Klartext“: „Wir erleben heute junge Kunst, die sich in radikaler Abkehr von der traditionellen Wertewelt Autonomie verschafft.“

Richtig spannend wird es erst in der Koje von Leo Koenig (New York), auch er so ein Youngster, der viel zu früh ins Obergeschoss gerutscht ist. Dabei ist seine neue Künstlerin eine Etablierte: Nicole Eisenman aus New York, Mitte 30, Teilnehmerin der Whitney Biennale und ein Talent, das alles kann – malen und zeichnen quer durch die Genres: Folterszenen und Gruppensex, Amazonen als lesbische Aktivistinnen, aber auch Goldgräber im Mondschein, mal rasch skizziert, mal ausgeführt in altmeisterlicher Virtuosität.

Überhaupt dominiert die Malerei auf der Messe. Sie weist die Fotografie in die Schranken, aber auch hier gibt es einige Neuentdeckungen. Und immer sind es die Becher-Schüler, die überzeugen: Ob Simone Nieweg und Matthias Koch bei Bodo Niemann (Berlin) oder die junge Natascha Borowsky bei Heidi Reckermann (Köln). Borowsky sammelt Strandgut vom Rheinufer, vertrocknete Blätter oder Nester und arrangiert sie zu strengen Kompositionen (C-Print, 60 x 50 cm, Ed. 9, 2500 Euro). Alle drei verstehen ihr Handwerk.

Die zeitgenössische Kunstszene, ergänzt von Förderkojen für junge Künstler und junge Galerien, hockt gedrängt im Erdgeschoss. Zu den Geförderten gehört die Malerin Therese Schult (Vorschlag Ulrike Schmela, Düsseldorf) ebenso wie der Objektkünstler Jiri Cernicky (Vorschlag Jiri Svestka, Prag). Für Schult, Schülerin von Jörg Immendorff und Albert Oehlen, ist die One-Woman-Show eine Premiere: Bilder erklären, Rede und Antwort stehen – doch sie hält durch. Der Tscheche Cernicky, der sich mit Recycling und Problemen der Dritten Welt beschäftigt, provoziert mit perfekt gestylter Atompilzlampe oder Pissoirs à la Duchamp.

Ausgerechnet den finanziell Schwächsten, den Künstlern, steht nun Ungemach ins Haus: Das durchschnittliche Jahreseinkommen der auf rund 20 000 geschätzten Künstler in Deutschlend liegt bei 10 000 Euro. Viele verdienen weniger. Sie verkaufen direkt an ihren Galeristen, der dafür eine ermäßigte Mehrwertsteuer von nur 7 Prozent anstelle von 16 Prozent bezahlt. Ein Sonderbonus, da Galerien ihren Künstlern kostenintensiv Ausstellungen, Kataloge und Sammler vermitteln. Diesen Bonus will der Finanzminister und Ex-Bürgermeister der Documenta-Stadt nun streichen. Am 20. November wird die Sache im Finanzministerium verhandelt. Auf der Art Cologne protestieren die Galeristen schon einmal mit einem rot/grünen Sticker „7%“ gegen das Debakel.

Wie lange lässt sich der Wirtschaftskrise trotzen? Der Kunstmarkt hat seine eigenen Gesetzmäßigkeiten. Wenn die Art Cologne am Sonntagabend ihren Abschlussbericht vorlegt, muss man zwischen den Zeilen lesen. Messe-Bilanzen gleichen diplomatischen Bulletins, die man interpretieren muss. Ob der schöne Chagall bei Salis & Vertes dann einen Sammler gefunden hat? Morgen wissen wir mehr.

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