BANDPORTRÄT : Zurücknahme als Prinzip

Jersey aus Berlin wollen sich bloß niemandem aufdrängen. Und verwerfen ständig ihre eigenen Ideen. Morgen stellen sie im Lovelite das neue Album vor

Kolja Reichert

Gemeinsam Musik zu machen, ist eine gefährliche Sache. Die Prügeleien der Gallagher-Brüder von Oasis sind legendär. Metallica konnten ihr „St. Anger“-Album nur dank psychologischer Betreuung fertigstellen. „Kreative Differenzen“ gehören zu den Hauptgründen für Bandauflösungen. Bei Jersey ist es anders. Differenzen sind hier der Boden, auf dem die Musik erst wächst. Vielleicht ist die Berliner Band, die heute im Lovelite ihr zweites Album „Itinerary“ vorstellt, deshalb so entspannt.

Da hat zum Beispiel Sänger Noël Rademacher, der mit der Musik von Leonard Cohen aufwuchs, „Touch the Ground“ angebracht, als kompaktes Songwriter-Stück. Programmierer Florian Zimmer, einst mit Hardcore sozialisiert, hat es in die Länge gezogen, Samples und Beats drunter gepackt. Max Punktezahl, bekennender Anhänger des verstorbenen B52s-Gitarristen Ricky Wilson, hat mit seiner metallen schabenden Gitarre die Temperatur um ein paar Grad gesenkt. Dann ist Bassistin Marion Gerth nochmal drüber gegangen, hat die Spuren zerstückelt und neu zusammengesetzt. Am Ende war nichts mehr, wie es vorher war. Jetzt klang es nach Jersey.

Ist das nicht hart, zuzusehen, wie die eigenen Ideen gnadenlos zerlegt werden? Rademacher zuckt mit den Schultern und überlässt Max Punktezahl die Antwort: „So arbeiten wir halt. Es ist toll, wenn sich Sachen immer wieder verändern.“ Zwei Jahre hat die Band am Album geschraubt, das Material wieder und wieder überarbeitet, vieles verworfen.

Jersey haben die Zurücknahme zum Prinzip erhoben. Kreativen Eruptionen ist unbedingt zu misstrauen. „Man muss sich auch mal gegen was Naheliegendes entscheiden“, sagt Punktezahl, „gerade deshalb, weil es besser funktionieren würde.“ – „Have you ever tried to share a secret“, singt Rademacher in „Talking to myself“, einem munter groovenden Indie-Popstück, „but in the end prefered to keep it?“ Erst ein Geheimnis verraten wollen und es dann doch für sich behalten. Jersey weichen zur Seite aus, suchen Schlupflöcher, schleichen sich leise von hinten an. „Wir zwingen dich nicht zuzuhören“, sagt Punktezahl. Das trifft es. Diese Musik, mit ihrem samtenen Wohnzimmerklang, ihrer Skizzenhaftigkeit und Rademachers vorsichtigem Gesang, ist unspektakulär. Im besten Sinne.Kolja Reichert

Jersey spielen am Mittwoch beim Festival „Copenhagen Calling“ um 20 Uhr im Lovelite, Simplonstraße 38.

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