Kultur : Bann & Größe

Strauss mit Thielemann und den Philharmonikern

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Ein Phänomen, der Abend: Nichts als Musik von Richard Strauss, darunter abseitige, geradezu hirnrissige Werke, dazu die Berliner Philharmoniker unter Christian Thielemann und ein ausverkaufter Saal. Der Ruf eines Strauss-Interpreten eilt Thielemann voraus. Wie sonst wäre es zu erklären, dass sich Tausende von Menschen mit ihm zusammen durch die Mottenkiste eines Komponistenlebens wühlen, sich die „Festmusik der Stadt Wien“ gefallen lassen, die zum fünften Jahrestags von „Großdeutschland“ 1943 erklang, oder das durch Robert Heger mühsam von Klavier- auf Orchesterformat hocharrangierte Lied „Traum durch die Dämmerung“ von 1895. Auch beim „Hymnus“ schlägt man innerlich die Hände über dem Kopf zusammen: Strauss legt eine zum Süßlich-Schwelgerischen neigende Musik über Friedrich Gustav Schillings erhaben tuendes Gedicht von 1788.

Allerdings gibt es auch Gegengewichte. Die philharmonischen Bläser, die das feine Geknatter der „Festmusik“ ebenso nobilitieren wie deren sangliche Episoden. Renée Fleming, Grande Dame der Soprankunst, niemals exaltiert, die sich nicht zu schade ist, die Duette aus Strauss’ 1933 uraufgeführter „Arabella“ mit mädchenhaftem Blickwerk zu durchsetzen. Thomas Hampson, mit herbem Bariton, der seine ganze Artikulationskunst zum Einsatz bringt, etwa beim melodramatisch anmutenden „Notturno“ auf einen Text von Richard Dehmel, der vom Stelldichein mit dem Tod erzählt, „so kummerschwer / kam seiner Geige Hauch daher“ – Konzertmeister Daishin Kashimoto spielt bittersüße, eigen vor sich hin kraxelnde Solo-Kantilenen. Und natürlich die elefantöse Anstrengung des „Festlichen Präludiums“ für großes Orchester und Orgel, entstanden 1913 zur Einweihung des Wiener Konzerthauses. Nach all dem Kleinklein wirkt diese Nummer wie Kniebeugen am offenen Fenster: eine mächtig hochfahrende Orgel, Strahlkraft, Tempo und ein Dirigent, der seine Fähigkeit zu Bann und Größe vollendet ausspielt. Christiane Tewinkel

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