Bar jeder Vernunft & Tipi : Die Welten hinter den Zelten

Beim Rundgang hinter den Kulissen von der Bar jeder Vernunft und Tipi trifft man Menschen, die dafür sorgen, dass hier Kunst entstehen kann.

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Zauber des Augenblicks. Wer zum ersten Mal in die Bar jeder Vernunft kommt, wird gefangen genommen von der besonderen Atmosphäre.
Zauber des Augenblicks. Wer zum ersten Mal in die Bar jeder Vernunft kommt, wird gefangen genommen von der besonderen Atmosphäre.Foto: Brigitte Heinrich/Pop Eye

Romantisch veranlagte Fans der Bühnenkunst sollten es sich gut überlegen, ob sie wirklich einmal einen Blick hinter die Kulissen werfen wollen. Denn dort, wo das Zuschauerauge nicht hinfällt, sehen die allermeisten Theater absolut nicht glamourös aus. Sondern eher karg, ja ärmlich. Das ist auch im Fall der Bar jeder Vernunft und des Tipis nicht anders. Rund um die beiden Zelte gibt es kleine Containerdörfer, eine Ansammlung schlichter, weißer Metallkisten, in denen alles vorbereitet wird, was nötig ist, um dem Publikum einen angenehmen Abend zu bereiten.

Direkt hinter der Bühne des Tipi geht es drei, vier Stufen abwärts, in die Künstlergarderoben, die tatsächlich so aussehen, wie man das von Filmen kennt: Die Schminktische haben Spiegel, die rechts und links von einer Reihe Glühbirnen erhellt werden, die Wände sind mit rotem Stoff bespannt, unter der niedrigen Decke hängen Mini-Kronleuchter. Viel Platz ist hier nicht, für größere Produktionen wie „Cabaret“ oder „Frau Luna“ werden Zusatz-Container auf dem umzäunten Gelände des Tipi aufgestellt. Die Orchestermusiker müssen darum nach dem Umziehen quer über den Hof laufen, um ins Zelt zu gelangen. Und überhaupt: Wer hier eine Zimmertür öffnet, steht selten auf einem Flur, sondern zumeist gleich im Freien.

Da kommen schnell Zirkus-Assoziationen auf. Auf den Bretterwegen, die die Büro-Kuben untereinander verbinden, liegt immerhin ein roter, wetterbeständiger Läufer, elegante grau-weiß gestreifte Markisen sorgen im Sommer für Schatten. Die Damen von der Pressestelle haben winzige Kabuffs, mit direktem Blick auf den Lattenzaun, der das ganze Areal umgibt. Und sogar die Geschäftsführung residiert in einem Container. In einer nur mit Planen vor der Witterung geschützten kleinen Halle wiederum werden die Bühnendekorationen für die meisten Shows hergestellt.

Alle Gerichte werden frisch auf Bestellung zubereitet

Eng ist hier alles, Stauraum ist rar – wie die Stammgäste das aus den Zelten kennen. So, wie sich die Kellner dort mit bewundernswerter Eleganz zwischen den dicht besetzten Tischen hindurch schlängeln, müssen sie es auch an der Essensausgabe in der Küche halten: Jeder Millimeter zählt, Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. A propos Küche: Das Refugium von Chefkoch Holger Gawöhn und seiner Mannschaft ist die größte Überraschung beim Rundgang durch den Backstage-Bereich. In der Bar jeder Vernunft wie im Tipi wird nämlich tatsächlich alles, was auf den Tisch kommt, auch vor Ort zubereitet. Und nicht etwa vorgekocht von außerhalb angeliefert, wie man angesichts der begrenzten Platzverhältnisse vermuten könnte.

Dass die Gerichte frisch auf Bestellung angerichtet werden, darauf ist Pressesprecherin Sabine Wenger stolz. Gleichzeitig ist es ihr aber auch wichtig, zu betonen, dass es sich bei den Zelten nicht um „Dinner-Theater“ handelt: „Bei uns muss keiner ein Menü verzehren, wenn er auch einfach nur mit einer Apfelsaftschorle zufrieden ist.“ Außerdem, fügt Sabine Wenger hinzu, haben die Künstler in der Bar jeder Vernunft wie im Tipi Priorität: Die Darbietungen stellen keine Garnitur zum kulinarischen Vergnügen dar, sie sind die Hauptattraktion.

Weshalb auch während der Show kein Service stattfindet, sondern nur in den eineinhalb Stunden davor sowie in der 25-minütigen Pause. Rund ein Drittel der Gäste kommen im Durchschnitt so frühzeitig, dass sie ihr Abendessen in der Bar jeder Vernunft oder dem Tipi einnehmen können. Dabei haben die Geschwister Pfister übrigens das verzehrfreudigste Publikum. Pro Jahr gehen rund 13 500 der berühmten „Schnuckedönschen“- Vorspeisenteller über den Thresen, fast 170000 Gläser Wein werden ausgeschenkt und „nur“ 35 000 Gläser Bier.

"Die Vermietungen sind unser Subventionsersatz"

Das hat Tom Ernst ausgerechnet. Er ist für einen weiteren Bereich des Doppelzelt-Unternehmens zuständig, der sich hinter den Kulissen abspielt: nämlich die Vermietungen. Tom Ernst spricht da lieber von Gala-Veranstaltungen. Rund 90 Mal pro Saison bleiben die Bar jeder Vernunft oder das Tipi abends für die normalen Besucher geschlossen, damit hier exklusive Veranstaltungen stattfinden können, Firmenevents oder Preisverleihungen, Produktpräsentationen oder auch Weihnachtsfeiern, für die die Mieter stattliche Summen berappen.

Tom Ernst, zuständig für Gala-Vermietungen, im Gespräch mit Besucherinnen.
Tom Ernst, zuständig für Gala-Vermietungen, im Gespräch mit Besucherinnen.Foto: XAMAX

„Die Vermietungen sind unser Subventionsersatz“, sagt Ernst. „Wir bekommen ja keinen Cent vom Staat, darum finanzieren wir unser künstlerisches Programm unter anderem auch durch die kommerziellen Veranstaltungen.“ Zwischen 100 und 150 Euro pro Person werden da fällig, je nachdem, wie opulent der Mieter den Abend gestaltet haben möchte, in puncto Kulinarik ebenso wie beim Rahmenprogramm. „Unser Vorteil ist, dass sich die potenziellen Kunden vorab jederzeit einen realistischen Eindruck von der Atmosphäre in den Zelten verschaffen können, da wir ja 550 Shows im Jahr anbieten“, sagt der 47-jährige Gala-Manager.

Und das Geschäft läuft gut. „Seit mehreren Jahren werden die Kulturmarken-Awards im Tipi verliehen, wir haben viele Charity- Veranstaltungen, aber auch TV-Produktionen, ja sogar eine Weinmesse hat bei uns schon stattgefunden“, berichtet Ernst. Und auch bei den Nachbarn des Tipi weiß man die besondere Atmosphäre zu schätzen, die das Zelt bietet: Zwölf Mal schon hat das Kanzleramt hier bereits seine Weihnachtsfeier veranstaltet. Am liebsten sind Tom Ernst natürlich die Kunden, die mit langem Vorlauf buchen.

Doch auch kurzfristige Anfragen lässt er sich nicht entgehen. Da muss er dann schon mal einem Künstler einen bereits gebuchten Abend wieder wegnehmen – gegen eine Entschädigung natürlich, „Ausfallgage“ genannt. „Bei Shows, die mehrere Wochen laufen, wissen die Beteiligten einen freien Tag durchaus zu schätzen“, weiß Ernst. „Künstler, die nur drei, vier Vorstellungen bei uns geben, schmerzt das schon mehr.“ Wenn sie Glück haben, findet sich ein Ersatztermin. Oder sie werden gleich als Entertainment-Act für die Gala mitgebucht.

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