Kultur : Baracke 31, Häftling 27 372 - Geneviève de Gaulle erinnert sich

Stephan Reinhardt

KZ Ravensbrück, Oktober 1944: Der Lichtkegel einer Lampe und der brutale Befehl zum Aufstehen reißen sie aus dem Schlaf: Geneviève de Gaulle, Nichte von Charles de Gaulle, der von England aus den französischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer organisiert. Die 23-Jährige aus Baracke 31 wird von zwei SS-Männern in das Lagergefängnis, in den berüchtigten "Bunker" des Frauen-KZs Ravensbrück gebracht. De Gaulle weiß, was dort vor sich geht: Er ist Ort medizinischer Experimente an polnischen Mädchen und Frauen, und in ihm wird regelmäßig geprügelt. Wird man sie wie zahllose Frauen vor ihr erschießen - an der Mauer, die den Bunker umgibt?

Mehr als ein halbes Jahrhundert später hat Geneviève de Gaulle Anthonioz in einer Folge dichter, beklemmender Erinnerungsbilder aufgeschrieben, was ihr in dieser Nacht und in den Monaten davor und danach widerfahren ist. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte sie, die Tochter eines im Saarland arbeitenden Ingenieurs, zuweilen die Ferien bei ihrem Onkel Charles de Gaulle verbracht, der in Metz eine Garnison leitete. Nach der Kapitulation Frankreichs im Juni 1940 hatte sie an der Sorbonne in Paris studiert und sich der Rèsistance angeschlossen. Dabei wurde sie, als Kurier unterwegs, 1943 in einer Pariser Buchhandlung verhaftet. Man deportierte sie in das Konzentrationslager Ravensbrück: Gemeinsam mit 958 Frauen traf sie dort Anfang Februar 1944 ein.

Genevève de Gaulle erhält die Häftlingsnummer 27 372. Täglich zwölf Stunden muss sie im Moor arbeiten, dann im Wald, am stärksten setzt ihr in der Kälte das Beladen von Kohlewaggons zu. Geschwächt durch Krankheiten, magert sie ab. De Gaulle hat Glück. Als sich ihr Zustand verschlechtert, wird ihr geholfen. SS-Hauptsturmführer Fritz Suhren teilt sie der Schreibstube des Krankenreviers zu. Ihr ist klar, dass Suhrens Interesse an ihr mit den Siegen der Alliierten zu tun hat. Offenbar will er sich entlasten. Als sie beim gefürchteten Appell ohnmächtig wird, trägt man sie in eines der Krankenbetten. Kurz darauf findet sie sich im "Bunker" wieder. Sie hat erneut Glück, der Lagerkommandant lässt sie mit Medikamenten versorgen. Am 28. Februar 1945 öffnet sich für sie das Tor des KZs Ravensbrück, in Begleitung von zwei SS-Männern gelangt sie an die Schweizer Grenze.

Ist nicht längst alles gesagt über Vernichtungslager von Zeugen wie Jorge Semprun, Elie Wiesel, Primo Levi, Paul Steinberg? Geneviève de Gaulles Bericht ist um so notwendiger, als sämtliche Unterlagen des KZs Ravensbrück von der SS vernichtet wurden. Er zeigt, wie es in der Hölle der Unmenschlichkeit gelang, die Menschenwürde zu wahren.Geneviève de Gaulle Anthonioz: Durch die Nacht. Arche Verlag, Zürich/Hamburg 1999. 96 Seiten, 28 Mark.

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