Kultur : Barbara Eggers "Der Kaiserbahnhof Wildpark in Potsdam"

Nikolaus Bernau

Von der Unesco-Welterbekomission wurde unlängst nicht nur die Museumsinsel unter Schutz gestellt, sondern auch die Schutzzone in Potsdam ausgeweitet. Damit hat die Unesco nebenbei einen Architekten gleich zwei Mal geehrt, dessen Qualitäten durch die Propaganda der Moderne besonders gründlich verschüttet worden sind: Ernst von Ihne, Schöpfer des Bode-Museums, bei seiner Eröffnung 1904 Kaiser-Friedrich-Museum genannt, und des Kaiser-Bahnhofs Wildpark, der 1909 nach fünfjähriger Bauzeit am Rand des Parks von Sanssouci eröffnet wurde.

Ihne, geboren 1848 in Wuppertal, gestorben 1917 in Berlin, war einer der erfolgreichsten Privatarchitekten seiner Zeit, dazu Hofarchitekt des Kaisers, der ihn 1906 adelte. Während bisher weder für das Museum noch für die Staatsbibliothek, den Marstall oder die Schloßumbauten Ihnes Monographien vorliegen, ist jetzt wenigstens der kleine Bahnhof mit einem schmalen Band von der Berliner Kunsthistorikerin Barbara Eggers gewürdigt worden. Vor einigen Jahren hat sie bereits eine Broschüre des Fördervereins Kaiserbahnhof verfasst, das Buch baut auf diesem Text auf.

Leider konnte sich Eggers nicht zu einer mehr essayistischen Haltung durchringen, obgleich immer wieder Anekdoten und zeitgenössische Zitate eingeflochten werden. Und so ist das Buch oft eine beschwerliche Lektüre. Reisen war für Wilhelm II. eine zentrale Aufgabe seiner Machtausübung, zugleich konnte er sich im Waggon oder auf dem Schiff seinen repräsentativen und familiären Pflichten leicht entziehen. Er reiste viel und gerne, vom Nordkap bis Palästina, zu Staatsbesuchen, Festen, Einweihungen, Reden. Für den Aufenthalt von "S.M." und seinem Tross entstanden im ganzen Reich die "Kaiserstationen", deren schönste die in Potsdam war. Entworfen wurde der Bahnhof 1905, auf ausdrücklichen Wunsch des Kaisers in den Formen eines englischen Landhauses, die die bürgerliche Villenbaukunst der Zeit prägten. Keine pompösen Achsen und Säulen also, sondern ein verschachteltes Gebäude aus groben Steinen, mit kleinem Turm und weiten Fenstern in den Wald. Die nebligen Fotos des Verlegers zeigen allerdings leider nicht die Idylle des Verfalls, auf ihnen herrscht eine ganz unangemessene Gruselstimmung vor. Zur Baugeschichte vom Kaiserbahnhof Wildpark wünschte man sich ein genaueres Eingehen auf die eisenbahntechnische Anlage. Die ausführliche Baubeschreibung von Eggers ist genau, entbehrt allerdings der kritischen Analyse und der kunsthistorischen Einordnung. Was ist denn nun an dem Bau englisch? Einige Innenaufnahmen wären neben den erfreulich breit publizierten Plänen schön gewesen.

Der historische Teil schließt ab mit der Darstellung der wichtigsten Ereignisse zur Kaiserzeit, bis zur Überführung der letzten Kaiserin in ihr Grab. Die weitere Geschichte wird kaum tangiert - die DDR scheint spurlos verschwunden, von der Nutzung durch die Rote Armee kein Wort.

Erfreulich breit ist der biographische Teil über Ernst von Ihne, an den ein gutes Werkverzeichnis anschließt. Allerdings ist diese Darstellung - im Gegensatz zur Verlagsankündigung - mitnichten die erste zu Ihnes Leben. Nun gut, der Vorgängertext erschien 1997 an entlegener Stelle, man könnte also nachsichtig sein. Doch hat Eggers mit vollen Händen aus der - ihr überlassenen - Diplomarbeit des Archivars Oliver Sander geschöpft, ohne dies auch nur anzumerken; gerade mal so findet sich wenigstens der Titel seiner Arbeit im umfangreichen Literaturverzeichnis. Unveröffentlichte Abschlußarbeiten sind im rechtlichen Sinn keine "Literatur", und in manchen Universitätskreisen ist die Übernahme von Ergebnissen der Studenten schlechte Gewohnheit. Aber so unverhüllt wie etwa das praktisch identisch zu Sanders Arbeit aufgebaute Werkverzeichnis Ihnes, das eine der großen Lücken in der Forschung zur Berliner Architekturgeschichte füllt, findet man Übernahmen doch selten. Eggers schmückt sich in dem Band - und auf dessen Ankündigung - mit Bändern, die sie nicht alleine gewebt hat. Hier ist ein angemessener Hinweis auf Sanders Arbeit als Quelle in einer neuen Auflage dringend notwendig. Denn Erfolg trotz aller Mängel ist dem Buch zu wünschen. Ihne ist schließlich einer der wichtigsten Architekten seiner Zeit gewesen, der dringend dem Vergessen entrissen gehört. Eggers Buch trägt dazu bei.Barbara Eggers: Der Kaiserbahnhof Wildpark in Potsdam. (Geleitwort Hans-Joachim Giersberg, Fotografien Jürgen Strauss). J. Strauss Verlag, Potsdam 1999. 140 Seiten, 34 Mark.

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