Kultur : Barbaren auf dem Vormarsch

Paul Klee zeichnet den Nazi-Terror von 1933: Entdeckungen in München und Bonn

Bernhard Schulz

Über Politik hat sich Paul Klee kaum geäußert, auch nicht zu der Zeit, da er Professor und Leiter einer Malklasse an der renommierten Düsseldorfer Kunstakademie war. Die Berufung erfolgte zum 1. April 1931, als die Weltwirtschaftskrise die fragile Politik der Weimarer Republik buchstäblich zerbrach. Nach der Machtergreifung der Nazis wurde Klee, der vom Dessauer Bauhaus nach Düsseldorf gewechselt war, als „Kulturbolschewist“ beschimpft und am 21. April1933 „beurlaubt“, wenn auch erst mit Wirkung zum Jahresende. So blieb er mit seiner Familie noch in der Rheinmetropole, hatte aber „nicht die geringste Hoffnung, dass in absehbarer Zeit eine Besserung eintritt“. Über Freunde wandte er sich mit dem Gesuch um Aufenthaltsbewilligung an die Schweiz, sein Geburtsland. Sie wurde ihm schließlich bewilligt, und am 24. 12. 1933 verließ Klee Deutschland für immer.

In diesen Monaten der Bedrückung hat Klee ein Konvolut von gut 250 Zeichnungen geschaffen. Ein Düsseldorfer Kollege erinnerte sich 1945, fünf Jahre nach dem Tod des Künstlers, eines gemeinsamen Abends: „Klee erschien mit einer großen Mappe und eröffnete uns, dass er die nationalsozialistische Revolution gezeichnet habe. Sie gehören fraglos zu dem Seltsamen und Unbegreiflichen unserer an Überraschungen und Unbegreiflichem so reichen Zeit.“

Unbegreiflich ist, dass dieses Konvolut erst 1984 in Klees umfänglichem Berner Nachlass identifiziert werden konnte, unbegreiflicher noch, dass weitere 18 Jahre mit der Erarbeitung einer gesicherten Chronologie der Einzelblätter – bei Klee, diesem peniblen Buchhalter der eigenen Produktion! – vergehen mussten, ehe jetzt eine Ausstellung mit einer breiten Auswahl dieses schon seinem Entstehungszusammenhang nach sensationellen Konvoluts erfolgen kann. Die Städtische Galerie im Lenbachhaus München – der Stadt, in der Klee Anfang des 20. Jahrhunderts an der Kunstakademie studiert hatte – richtet sie unter dem prägnanten Titel „Paul Klee 1933“ aus. Zeitgleich hat in der Kunst- und Ausstellungshalle Bonn eine weitere, vom Rheinischen Landesmuseum verantwortete Ausstellung unter dem Titel „Paul Klee im Rheinland“ begonnen, die den biografischen Bogen von Klees Ausstellungsbeteiligung an der Kölner „Sonderbunds“- Ausstellung 1912 bis zur Abreise Ende 1933 schlägt. Auch in dieser Ausstellung bilden die knapp drei Düsseldorfer Jahre den Schwerpunkt; ihnen entstammt die Hälfte der 120 gezeigten Arbeiten. Die andere Hälfte – Arbeiten aus den zehner und zwanziger Jahren – befand sich in rheinischen Privatsammlungen und macht die Aufgeschlossenheit deutlich, mit der namhafte Sammler aus Köln, Düsseldorf und Krefeld die Kunst des Bauhauses erwarben, wo Klee seit 1921 lehrte. Wichtig war auch, dass ihn der bedeutende Düsseldorfer Kunsthändler Alfred Flechtheim mit Vehemenz vertrat.

Von der Liste gestrichen

Die Erwartung allerdings, in Klee nun einen politischen Künstler zu entdecken, wird von den jetzigen Präsentationen zumindest gedämpft. Gewiss zeigen die Blätter die psychischen Nachbeben der bitteren Geschehnisse, die Klee im Auftaktjahr der „nationalsozialistischen Revolution“ erlebte, so in den Zeichnungen „Anklage auf der Straße“, „Wenn Soldaten degenerieren“ oder am deutlichsten in „Menschenjagd“. Doch lässt sich die Mehrzahl der Blätter, wie „Scene der Belästigungen“ oder „Doppelmord“, bei aller Eindringlichkeit nicht umstandslos als Zeitkommentar lesen. Es sind wohl eher Reaktionen auf die politisch zerrissene Weimarer Epoche insgesamt. Das bekannte Gemälde „Von der Liste gestrichen“, in München zusammen mit weiteren Gemälden von 1933 den Zeichnungen zugesellt, bleibt an Aussagekraft singulär. Gerade die weiteren Gemälde aus jenem, mit 482 Arbeiten übrigens produktivsten Jahr des Künstlers belegen, dass Klee zwischen der abstrakten, malerischen Komposition und der figurativen Skizze mit dem Stift wohl unterschied.

Aber gerade dieser Bruch zwischen den Gattungen, den es ansonsten im Oeuvre Klees nicht gibt, bezeugt die tiefe Verstörung, die die Geschehnisse bei dem jeden Halts beraubten Künstler bewirkten. Die feine Ironie, die Klee stets bewahrte, scheint erst in der nachträglichen Titelgebung der Zeichnungen zum Zuge gekommen zu sein.

Der fahrige, fiebrige Bleistift- oder Kreidestrich hingegen spricht von der Bedrückung des täglichen (Über-)Lebens. Lapidar mit „Gewalt“ ist eine der meist schreibblattgroßen Zeichnungen betitelt: Sie zeigt eine wohl vor Schmerz aufspringende Figur, der eine andere mit kräftigem Ausfallschritt etwas antut – nur was, bleibt in einem Knäuel kreisender Linien ebenso bedrohlich wie verborgen.

Der „ganze“ Klee ist in der Bonner Ausstellung zu sehen, mit Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen, die neben der motivischen auch die technische Vielfalt des unaufhörlich suchenden Künstlers spiegeln. Hier ist der Einbruch der (wenigen) Blätter von 1933 besonders vehement. Doch bei aller Sorgfalt, mit der die Rezeptionsgeschichte Klees im Rheinland ausgebreitet wird – das Interesse konzentriert sich auf die Düsseldorfer Jahre in einer so radikal sich zuspitzenden Zeit. Was Klee in seinen Blättern festhält und womit er weit über eine bloß dokumentierende Zeitzeugenschaft hinausweist, ist der rasche Zerfall einer vormals bürgerlichen Gesellschaft, die dem Ansturm der „Barbaren-Söldner“ – so ein Blatt von 1933 – nichts mehr entgegenzusetzen vermochte.

München, Lenbachhaus, Luisenstraße 33, bis 4. Mai. Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther König (Köln), 28 €. – Bonn, Kunst- und Ausstellungshalle, Friedrich-Ebert-Allee 4, bis 9. Juni, Katalog bei DuMont, 19,90 €.

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