Kultur : Barbaren küsst man nicht

Steffen Richter

„Warten auf die Barbaren?“ hieß im Frühjahr ein Festival am Düsseldorfer Schauspielhaus. Es ging ums „Neue Europa“, beteiligt waren etliche seiner literarischen Protagonisten: der Pole Andrzej Stasiuk, der Tscheche Jáchim Topol und der Ukrainer Juri Andruchowytsch. Das hübsche Bild vom Barbarentum – gleichermaßen westliche Zuschreibung wie östliches Kokettieren mit dem Wilden – wird allerdings zunehmend von der Wirklichkeit korrigiert. Nämlich, wenn man die „Barbaren“ trifft.

Einige von ihnen kommen. Und zwar mit dem „Zug 76“, auch „Potyah 76“ genannt. Dabei handelte es sich ursprünglich um einen Schnellzug, der in den sechziger Jahren zwischen Ostsee und Schwarzem Meer verkehrte. Juri Andruchowytsch gründete ein gleichnamiges Internet-Portal, das sich mit ukrainischer Literatur beschäftigt. Einige jüngere Vertreter derselben sitzen nun tatsächlich im Zug. Nach Stationen in Freiburg, Stuttgart, Leipzig, Greifswald und Bonn kommen sie nach Berlin: der bei uns schon bekannte „Kult“-Autor Ljubko Deresch ; die Erzähler Taras Prochasko und Sofia Andruchowytsch . Dazu Oksana Sabuschko , die „Feldstudien über ukrainischen Sex“ betrieben hat, und der Meister Juri Andruchowytsch selbst. Am 29.9. (ab 19 Uhr) ist großer Bahnhof im Literarischen Colloquium (Am Sandwerder 5, Zehlendorf) und am 30.9. (ab 21 Uhr) in der Volksbühne (Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte). Dann wird man sehen, wie wild und gefährlich sie wirklich sind, die „Barbaren“.

Und man wird sehen, ob die deutschsprachige Literatur gegenhalten kann. Denn die präsentiert sich in dieser Woche in enormer Dichte. Dass der Österreicher Wolf Haas keinen Vergleich scheuen muss, weiß, wer seinen ersten Nicht- Brenner-Roman „Das Wetter vor 15 Jahren“ (Hoffmann und Campe) gelesen hat. Eine hinreißende Liebesgeschichte, die in einem 220-Seiten-Dialog zwischen einer Figur namens Wolf Haas und der „Literaturbeilage“, einer Dame, entsteht. Haas kommt am 29.9. (20 Uhr) in den Roten Salon der Volksbühne. Am Tag zuvor, am 28.9., stellt der Schweizer Thomas Hürlimann in der Akademie der Künste (Pariser Platz 4, Mitte, 20 Uhr) die berührende Geschichte (s)einer Mutter vor. Diese Frau steckt alle Ambitionen und ihre eigene Idee vom Leben zugunsten ihres ehrgeizigen Ehemannes zurück und bekommt dafür zu jedem Geburtstag – welch Trost – „Vierzig Rosen“ (Ammann). Christoph Peters schließlich lässt einen jungen Deutschen zum Islam konvertieren, in Ägypten einen Terror-Anschlag vorbereiten und anschließend viel über den Verlust von Idealen und das Sinndefizit der westlichen Welt meditieren. Seinen Roman „Ein Zimmer im Haus des Krieges“ (Verlag btb) präsentiert er heute (20 Uhr) im Brecht-Haus (Chausseestr. 125, Mitte). Fragt sich, ob die wahren Barbaren nicht vielmehr im Herzen des Westens hausen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar