Barenboim dirigiert Schubert : Vollendet im Suchen

Barenboim und die Staatskapelle führen im Pierre Boulez Saal die symphonischen Erstlinge Schuberts auf.

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Er sucht und findet. Daniel Barenboim dirigiert Schuberts Frühwerke mit Gespür für ihren inneren Zusammenhang.
Er sucht und findet. Daniel Barenboim dirigiert Schuberts Frühwerke mit Gespür für ihren inneren Zusammenhang.Foto: Benjamin Petit/dpa

„Überhaupt will ich mir auf diese Art den Weg zur großen Sinfonie bahnen“, schrieb Franz Schubert 1824 an seinen Freund Leopold Kupelwieser, nachdem er ihm einige kürzlich entstandene Kammermusikwerke aufgezählt hatte. Ein schier unglaublicher Satz für diejenigen, die den Auftakt des Schubert-Zyklus mit Daniel Barenboim und der Staatskapelle Berlin im Boulez Saal miterleben. Denn um was, bitteschön, soll es sich bei den bereits zwischen 1813 und 1814 entstandenen ersten drei Symphonien handeln als um große Werke in dem Genre?

Dass man an den symphonischen Erstlingen des Teenagers Schubert so gar nichts Tastendes erkennen mag, hat freilich auch mit der Haltung von Barenboim zu tun, der in jedem der Werke Größe, Anspruch und inneren Zusammenhang findet und betont. Satt und bedeutungsvoll präsent kommen bereits die langsamen Einleitungen der Symphonien daher, auf welche einzelne Holzbläsersoli nicht bloß appliziert wirken, sondern sich organisch herauslösen – so, als ob harmonische Spannung sich bruchlos in Klangfarbe und Dramatik in lyrische Energie verwandeln könnte. Und die wunderbar transparente Akustik des Saales trägt zu dem achtsamen Umgang mit den Farben der Bläser, die sich bei Schubert auf ganz eigene Weise von ihrer Rolle im klassischen Orchestersatz emanzipieren, noch zusätzlich bei.

Anders als manche Originalklangensembles, welche Farbeffekte, aber auch dramatische Tremoli oder galante Gesten herausstellen und um dieser Vielfalt willen eine gewisse Buntscheckigkeit in Kauf nehmen, finden Barenboim und die ihm geradezu symbiotisch folgende Staatskapelle zu einer auf ihre Weise höchst überzeugenden Balance zwischen dem Detail und einem Bewusstsein für größere emotionale Bögen. Sie erlaubt es ihnen, selbst in den scherzhafteren Menuetten den Eindruck einer durchgehenden, letztlich geheimnisvollen Ernsthaftigkeit zu bewahren. Es dürfte spannend werden, mit ihnen auch in den folgenden Konzerten des Schubert-Zyklus (25. Mai, 26./27. Juni, 1./3. Juli) den Vollendeten im Suchenden zu entdecken.

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