Kultur : Barenboim gewinnt im Opernstreit ...und Wowereit delegiert die Verantwortung

Frederik Hanssen

Offiziell wurde bei der gestrigen Sitzung der Stiftung „Oper in Berlin“ nichts entschieden. Der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit, der dem Gremium vorsteht, beauftragte den Stiftungsvorstand damit, im Streit um die Verteilung der Etataufstockung bei der Berliner Staatsoper zu vermitteln. De facto hat Daniel Barenboim damit den Machtkampf gewonnen: Seine Staatskapelle dürfte mit größter Wahrscheinlichkeit die vom Chefdirigenten geforderte Gehaltserhöhung um 1,8 Millionen Euro erhalten. Der Ausstattungsetat des Hauses hingegen wird wohl auf dem abgesenkten Niveau bleiben. Dagegen hatte der zum Sommer 2010 gekündigte Intendant Peter Mussbach opponiert. Am Mittwoch hielt er vor dem Stiftungsrat eine Rede, in der er seine Sicht der Dinge erneut verteidigte. Wowereit allerdings wollte sich nicht gegen den Willen Barenboims stellen.

Damit erhält die Staatskapelle mehr als die Hälfte der disponiblen Zuschusserhöhung. Die zehn Millionen Euro, von denen immer die Rede ist, sind tatsächlich nur 9,4 Millionen. Vier Millionen davon fließen sofort ab, um die in den Sparjahren entstandene strukturelle Unterfinanzierung des Hauses zu decken. Weitere zwei Millionen per anno müssen auf die hohe Kante gelegt werden, um während der Umbauphase 2010 bis 2013 die zu erwartenden Mindereinnahmen in der Ausweichspielstätte Schiller-Theater kompensieren zu können. Bleiben 3,4 Millionen zum Verteilen übrig.

Die Staatskapelle sieht sich künstlerisch auf Augenhöhe mit den Wiener Philharmonikern und dem Leipziger Gewandhaus. Beide Ensembles spielen auch im Graben ihrer Opernhäuser, definieren sich aber vor allem als Konzertorchester. Bereits 2001 hatte Barenboim die Verlängerung seines Vertrags von einer Gehaltserhöhung für seine Staatskapelle abhängig gemacht. Damals kam das Geld aus dem Kanzleramt, 3,5 Millionen Mark jährlich, gebunden an die Ära Barenboim. Wenn nun erneut die Musiker besser gestellt werden, ist das auch ein Zeichen für die Zukunft: Unter den Linden gibt es dann, pointiert formuliert, ein Spitzenorchester mit angeschlossenem Musiktheaterbetrieb, der auf dem Finanzniveau der Oper in Hamburg agiert.

Klaus Wowereit war nach seinem Wutausbruch in der letzten Stiftungsratssitzung, der mit zur Nicht-Verlängerung der Verträge von Mussbach und seinem Geschäftsführenden Direktor Georg Vierthaler führte, eigentlich in der Pflicht, am Mittwoch den gordischen Knoten zu zerschlagen und notfalls auch mit einem Machtwort Barenboims Kompromissbereitschaft einzufordern. Stattdessen wurden „Eckpunkte für den Wirtschaftsplan der Staatsoper diskutiert“. Im Klartext: Der Maestro bekommt seine 1,8 Millionen Euro und die vorgeschriebene Rücklagensumme wird abgesenkt, um doch noch ein wenig Geld für die Kunst auf der Bühne freizuschlagen.

Wenn Wowereit allerdings nun den Vorstand der Opernstiftung beauftragt, auf dieser Diskussionsgrundlage einen Kompromiss-Wirtschaftsplan für die Staatsoper zu erarbeiten, so ist das eine gezielte Erniedrigung Mussbachs. Der Vorstand besteht nämlich neben Generaldirektor Stefan Rosinski aus den Intendanten sowie Geschäftsführern der vier künstlerischen Betriebe und dem Leiter des Bühnenservice. Mit anderen Worten: Kirsten Harms von der Deutschen Oper und Andreas Homoki von der Komischen Oper haben jetzt beim Staatsopern-Haushalt ein Wörtchen mitzureden. Das Gremium kann Mussbach sogar überstimmen. Eine peinliche Situation für alle Beteiligten – und eine pikante: Als Geschäftstführer des Staatsballetts sitzt auch der geschasste Mussbach-Kontrahent Georg Vierthaler in dem Gremium.

Die 9,4 Millionen Euro bleiben übrigens weiterhin gesperrt. Unter den Linden kann also weder geplant noch der fertige Spielplan der Saison 2008/ 09 präsentiert werden. Frederik Hanssen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben