Barenboim im Konzerthaus : Melodien mit Schmalz und Schmelz

Daniel Barenboim und seine Staatskapelle widmen sich im Konzerthaus mit Geigerin Lisa Batiashvili Tschaikowsky und Claude Debussy.

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Die Geigerin Lisa Batiashvili spielt Tschaikowsky.
Träumerin: Die Geigerin Lisa Batiashvili spielt Tschaikowsky.Foto: Anja Frers/DG

Während seiner Schulzeit am Pariser Conservatoire wurde Claude Debussy, damals 18-jährig, von einer russischen Dame eingeladen, mit ihr zu musizieren, auf Reisen zu gehen, ihre Kinder am Klavier zu unterrichten. Es handelte sich um Nadeshda von Meck, die platonisch geliebte Freundin und Mäzenin Tschaikowskys. Ihm berichtet sie 1880 von einem „kleinen Franzosen“, der während der Ferien im Sommer bei ihr wohnt.

Das erste Sinfoniekonzert der Staatskapelle Berlin im neuen Jahr wirft ein Schlaglicht auf diese Konstellation: Dem 1881 uraufgeführten Violinkonzert des russischen Komponisten lässt Daniel Barenboim zwei Kompositionen folgen, die aufschlussreich kundtun, was aus dem kleinen Franzosen geworden ist: der große Meister prächtiger Orchesterwerke wie „Ibéria“ und „La mer“.

Eine klingende Zeitwende tut sich auf. Als Solistin des Tschaikowsky-Konzerts entlockt die aus Georgien stammende Geigerin Lisa Batiashvili ihrem Instrument Silbertöne, während Barenboim die Salonpauke schlägt. Geschmeidig fließen die Melodien mit Schmalz und Schmelz, es ist eine Träumerei von Tschaikowsky, weil Batiashvili in die Extreme des ganz Leisen verliebt ist. Raunend beinahe interpretiert sie, bis die Spannung still zu stehen droht, im Andante Romantik von elegischer Süße. Maestro und Orchester stimmen sich bemerkenswert mit ihr ab. Obwohl das Konzerthaus die Solistin akustisch benachteiligt, lässt sich erahnen, dass sie die vielen Noten des virtuosen Finalsatzes auf das Lebhafteste beherrscht. Publikumseroberung.

Die Staatskapelle präsentiert sich in exzellenter Form

In den Zauberwerken „Ibéria“ aus „Images pour orchestre“ und „La mer“ erreicht Debussys Klangsinn höchsten Rang. Dass mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts eine neue Welt aufgeht, in der Debussy alsbald vierhändig mit Igor Strawinsky „Sacre“ spielen wird, tönt nun aus den Farbspielen und unerhörten Klangmischungen der Staatskapelle. In allen Soli und Gruppen präsentiert sich das Orchester in seiner exzellenten Form.

Barenboims bedeutende Lesart besteht darin, dass er in der komplexen Struktur der Musik die Deklamation, die Nuancen, die Akzente hervorhebt. Damit schimmert das Kolorit der „Pelléas“- Oper Debussys konzertant durch die „Düfte der Nacht“ und den Dialog zwischen „Wind und Meer“.

Solche Sensationen ihres Schützlings, des einstigen kleinen Franzosen, konnte Nadeshda von Meck selbst nicht mehr erleben. Aber sie hat ihm Türen in die Welt geöffnet.

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