Barenboim und die Staatskapelle : Bruckner zum Anfassen

Fast dreidimensional: Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin spielen Bruckners Fünfte in der Philharmonie. Und Mozarts d-Moll-Klavierkonzert KV 466.

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Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper und Chefdirigent der Staatskapelle, hier beim Open-Air-Sonntagskonzert im Juni auf dem Bebelplatz.
Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper und Chefdirigent der Staatskapelle, hier beim...Foto: dpa

An diesem Abend in der Philharmonie wähnt man sich beinahe im Kino: Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin treiben die Expressivität der Fünften derart ins Extrem, dass sie dem Publikum gleichsam die 3-D-Brille aufsetzen. Ob Schlachtengetümmel oder Close-ups auf intime Momente, Barenboim will es möglichst konkret. Dabei wuchtet er die Architekturen dieser monströs langen 80-Minuten-Sinfonie nicht als kantige Raumgebilde aufs Podium, sondern fordert trotz hoher Trennschärfe bei den einzelnen Bauteilen schon in der Introduktion immer wieder Gesanglichkeit ein, das menschliche Maß noch in der Apokalypse am Schluss. Bruckner zum Anfassen: Crescendo und Decrescendo, Pizzicato, die Verausgabung im finalen Fortissimo – lauter plastische, physische Vorgänge.

Verspielt, souverän: Bei Mozart geht Barenboim beinahe ungeduldig zu Werke

Und sein Orchester spielt kongenial mit. Wechselt die Register im Nu, setzt den Schicksalsregistern der Blechbläserchöre ein betörendes Funkeln auf und versieht das Synkopenthema des Adagios mit einer Geschmeidigkeit, die Takt und Maß auf denkbar eleganteste Weise entgrenzt. Die Violinen überziehen das Ländler-Seitenthema des Scherzos mit erotischer Süße und im Schlusssatz melden sich kecke Klarinetten-Vogelstimmen und andere Naturlautmaler im zerdehnten, über die Ränder tretenden Klangfluss zu Wort, als wollten sie die zunehmende Abstraktion dieser Endzeitmusik Lügen strafen. Barenboim drosselt das Tempo, kostet die Rückblenden auf die übrigen Sätze und die ins Leere (oder in leeres Getöse) mündenden Fugati genüsslich aus und animiert die Streicher auch mal zu harschem Bogenkratzen. Diese Musik tritt auf der Stelle, weiß nicht mehr weiter? Der Maestro rettet sie in die Sinnlichkeit hinüber.

Fast ungeduldig war er zuvor bei Mozarts d-Moll-Klavierkonzert KV 466 zu Werke gegangen. Dirigierte vom Flügel aus – wie immer, als sei solches Multitasking die größte Selbstverständlichkeit der Welt – , legte eine sportliche Geschwindigkeit vor, mal mit hüpfendem Anschlag, mal gedankenverloren, mal volle Kraft voraus. Deutlich, fast überdeutlich die dynamischen Kontraste. Und den ein oder anderen Fehlgriff macht Daniel Barenboim mit seinem urmusikalischen Temperament wieder wett. Verspielt, souverän: Manchmal ist es nicht nötig, das Rad neu zu erfinden. Es genügt, es laufen zu lassen.

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