Kultur : Barenboims Wagner-Coup: "Eine freche Ohrfeige"

Charles A. Landsmann

Prominente Israelis zeigten sich in ersten Reaktionen zu Barenboims "Provokation" überrascht, dass er es gewagt hatte, im Schlusskonzert des Israel Festivals Wagners "Tristan"-Ouvertüre zu spielen (vgl. Tagesspiegel vom Montag). Je weiter rechts die politischen Kommentatoren stehen, desto schärfer verurteilten sie Barenboims "Trick". "Es ist zu früh, Wagner in Israel zu spielen. Es gibt im Land noch viele Leute, denen es schwer fällt, seine Musik zu hören" - so Ministerpräsident Ariel Scharon, dessen Stellungnahme noch gemäßigt ausfiel.

Staatspräsident Mosche Katzav, nicht gerade als Konzertgänger bekannt, attackierte Barenboim persönlich; dieser habe die Übereinkunft mit der Festival-Leitung "umgangen". Katzav gab damit den Ton für zahlreiche andere Kritiker an. Festivaldirektor Yossi Tal-Gan will es sich gut überlegen, "Barenboim in Zukunft noch einzuladen". Der Minister für Wissenschaft, Kultur und Sport, Ex-General Matan Vilnai, bezichtigte Barenboim der "Überrumpelung". Jerusalems Oberbürgermeister Ehud Olmert sprach von Chuzpe: "Ohne Zweifel ist Barenboim ein großer Musiker, aber er ist auch ein kleiner Mensch." Der nationalreligiöse Abgeordnete Schaul Yahalom, Anti-Wagner-Vorkämpfer inner- und ausserhalb des Parlamentes, wurde noch deutlicher: "Barenboim und das Berliner Orchester haben die Erinnerung an die Shoa verletzt und erteilten dem Staat Israel eine freche Ohrfeige."

"Manipulation an Betrug grenzend", befand Koalitionschef Zeev Boim, während die Vorsitzende der israelisch-deutschen Parlamentarier-Freundschaftsgruppe und Vizeministerin für Infrastrukturen, Naomi Blumenthal, es Barenboim schriftlich gab: Er habe sich bei den Holocaust-Überlebenden zu entschuldigen. Die Zeitung "Yedioth Ahronoth" titelte "Daniel Barenboim boykottieren". Ephraim Zuroff vom israelischen "Simon Wiesenthal"-Zentrum war wieder einmal der Lautstärkste: "Barenboim hat in aller Öffentlichkeit eine kulturelle Vergewaltigung verübt." Viele harsche Worte der Politik - und die Tat eines einfachen Bürgers: Ein 67-jähriger Holocaust-Überlebender hat wegen der Verletzung seiner Gefühle Klage gegen Barenboim eingereicht.

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