Kultur : Barfuß für den Frieden

Rockn’Roll aus Argentinien: Shakira tanzt in der Berliner Max-Schmeling-Halle

Esther Kogelboom

Ein Popstar, dessen größter Fan ein Literatur-Nobelpreisträger ist? Seitdem Shakira auch in den USA und Europa teuer gehandelt wird, kommt in den meisten Artikeln über die Kolumbianerin Gabriel Garcia Marquez vor. Der hat nämlich über Shakira gesagt: „Niemand kann besser singen und tanzen als sie.“ Am Sonntag machte die Wahlblondine mit der Gurgelstimme ihren Antrittsbesuch in der Berliner Max-Schmeling-Halle, und Tausende kamen, sie mit dem Feldstecher zu beobachten. Wenigstens hohe Schuhe hätte die kleine Frau aus Argentinien anziehen können. Aber die 26-jährige Sängerin bleibt sich treu und rockt in Lederhosen und knappem Top so barfuß wie vor Jahrzehnten Sandie Shaw.

Auf ihrem aktuellen Album „Laundry Service“ singt Shakira aus Barranquilla erstmals auch in der Fremdsprache Englisch: Emilio Estefan holte Shakira from the Block nach Miami und empfahl ihr eine dezente Imagekorrektur. So wurde aus der dunkelhaarigen, halbarabischen Latina eine blonde, halbarabische Latina mit Britney- und Christina-Appeal. Sicher, Britney und Christina können auch nicht schlecht die Hüften kreisen lassen, aber gegen den Tremor von Shakira wirken die US-amerikanischen Rivalinnen wie Teilnehmerinnen eines Kreuzberger Bauchtanz-Workshops.

Eigentlich ist damit nicht zu spaßen, aber Shakira lässt die Pyrotechnik so laut knallen, dass man einen Moment lang glaubt, die kolumbianische Mafia müsse im Spiel sein. Und tatsächlich, als das Licht wieder angeht, liegt sie zusammengekrümmt am Bühnenboden. Aber natürlich steht sie wieder auf – und lässt alles kreisen, was sie hat.

Überall auf der Welt wird Shakira inzwischen für ihre Mischung aus Rock’n Roll und südamerikanischer Folklore geliebt – immerhin waren ihre Panflötenklänge die ersten nach der Paul-Simon-Schmonzette „El Condor pasa“, die es in Deutschland an die Spitze der Hitparaden schafften. Nur in Argentinien ist man skeptisch – denn Shakira ist mit Antonio de la Rúa liiert. Der Vater der fröhlichen Pausbacke hatte nach den Ladenplünderungen in Buenos Aires vom Dezember 2001 seine ausgehungerten Landsleute als „Feinde der Republik“ bezeichnet, was eine Welle der Empörung nach sich zog und Fernando de la Rúa zum Rücktritt zwang. Tower Records nahm in Buenos Aires alle Shakira-Platten aus den Regalen. „Für die Mächtigen hört die Fiesta niemals auf,“ soll der Filialleiter geschimpft haben: Denn Shakiras Freund, der weiterhin als Berater seines Vaters tätig ist, tanzte in ihrem Video „Underneath your clothes“. Wo die Liebe hinfällt? Die Argentinier hatten genug.

Für die Berliner Kids liegt Buenos Aires so weit weg wie Miami. Dankbar betrachten sie die riesige weiße Taube, die über die Leinwände flattert. Shakira fordert ihre Zurhörer auf, dem Nachbarn ein zärtliches „Te quiero – I love you“ ins Ohr zu flüstern, Bush- und Saddam-Puppen spielen ein Schachspiel, dazu erscheinen traurige Kindergesichter. Autsch. Gibt es in den USA eigentlich auch Tower Records? Egal, die wichtigsten Musikpreise stehen schon auf Shakiras Sims. Und wenn es eine Auszeichnung fürs Schattenboxen gäbe, würde sie sie auch noch bekommen. Max Schmeling jedenfalls hätte Spaß an ihrer Rechten.

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